Es gibt sie schon seit dem 16. Jahrhundert und seither prägen sie Leipzigs Innenstadt: die Passagen und Höfe. Ob als Abkürzung beim Bummel durch die Stadt, bei Regen sowie Hitze oder um dem Trubel auf den Straßen zu entgehen – die Passagen verbinden die ganze Leipziger Innenstadt und sind noch dazu prachtvolle Zeugnisse der einstigen Handels- und Messestadt. Welche architektonischen Unterschiede es gibt, wie die Passagen früher genutzt wurden, woher Specks Hof seinen Namen hat und warum die alten Passagen Oberlichter bekamen, verrät Architektin Heike Scheller Axel und Aileen in dieser Folge von „Willkommen in Leipzig“.
Ergänzung zur im Podcast erwähnten Familie Speck von Sternburg: Maximilian Speck von Sternburg sammelte zwischen 1807 und 1832 auf seinen Europareisen eine beeindruckende Kunstkollektion. Die Sammlung wurde bis 1945 auf seinem Landgut präsentiert, bevor sie enteignet wurde. Nach der Wiedervereinigung gab der Ur-Ur-Enkel des Sammlers die restituierten Werke als Dauerleihgabe an das Museum der Bildenden Künste Leipzig zurück.
Leipzigs Passagensystem
Leipziger Familiencafé
leipspeis
Rosenberg Delikatessen
GeoGenuss-Produkte
Auerbachs Keller
Gourmétage
Café Kandler
Naturparadies Leipzig
Contigo
Grünschnabel
Der Podcast wurde gefördert durch das Bundesprogramm „Zukunftsfähige Innenstädte und Zentren“ des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen und des Amts für Wirtschaftsförderung der Stadt Leipzig.
Leipzig ist eine Stadt mit unzähligen Facetten: Musik und Kultur, Natur, Wasser und Freizeit, junge Kreativszene, versteckte Geheimtipps und beliebte Szenemeilen. Im Podcast „Willkommen in Leipzig“ kannst du hören, was es in unserer Stadt alles zu sehen gibt. Unsere beiden Moderatoren Aileen & Axel nehmen dich mit auf eine Reise in diese wundervolle Stadt.
Axel: Hi. Schön, dass ihr wieder mit dabei seid. Das hier ist “Willkommen in Leipzig - Der Podcast für deine Leipzig-Reise”. Nach einer kleinen Winterpause melden wir uns bei euch wieder zurück. Eine Sache bleibt unverändert, nämlich, dass wir zu zweit mit euch in Leipzig und Region unterwegs sind. Wir, das sind meine Kollegin Aileen-
Aileen: Und mein Kollege Axel. Hi!
Axel: Grüß dich.
Aileen: Ja, neu sind die vielen Dinge, die wir mit euch gemeinsam in den nächsten Folgen entdecken wollen. Und in der heutigen Ausgabe, da greifen wir ein Thema auf, das wir in der Vergangenheit schon mal ganz kurz angeschnitten haben, nämlich Leipzigs Passagen.
Axel: Genau. Ob bei Stadtführungen durch die Innenstadt oder beim Shoppingtrip, früher oder später durchquert man eine von Leipzigs Passagen. Und dabei bekommt man natürlich nicht sonderlich viel über deren Geschichte mit. Ja, und auch der Wandel im Laufe der Jahrzehnte oder Jahrhunderte wird da auch nicht so wirklich abgebildet.
Aileen: Und genau das wollen wir heute natürlich nachholen. Wir sind verabredet mit Heike Scheller. Sie ist Architektin und war lange im Stadtplanungsamt der Stadt Leipzig tätig und kennt sich deshalb natürlich bestens aus. Sie treffen wir gleich an der Messehof-Passage und da würde ich sagen: Gehen wir direkt mal hin.
Axel: Okay. Ich glaube, da drüben geht’s lang.
Intro: Willkommen in Leipzig - Der Podcast für deine Leipzig-Reise.
Axel: Hallo. Guten Morgen. Sind Sie Frau Scheller?
Heike Scheller: Hallo. Schönen guten Morgen, ja, die bin ich.
Axel: Ich bin Axel. Das ist Aileen.
Heike Scheller: Mhm, hallo!
Aileen: Als allererstes die Einstiegsfrage: Wenn man jetzt hier in die Messehof-Passage erst mal so reinkommt, das Entree sieht, sieht alles ziemlich, finde ich, modern aus. Ist das hier eine von den, von Leipzigs neueren Passagen? Und was lässt sich denn allgemein über die Entstehung überhaupt dieser Passagen, dieses Passagensystems sagen?
Heike Scheller: Ich fang mal mit der zweiten Frage an.
Aileen: Gerne.
Heike Scheller: Kommen wir vom Allgemeinen ins Besondere, sozusagen. Also das System oder die Entstehung des Systems hat natürlich mit der besonderen städtebaulichen, räumlichen Struktur von Leipzig zu tun. Sie müssen sich vorstellen, dass Leipzig über viele Jahrhunderte kaum größer war als das, was wir heute als Innenstadt bezeichnen, also 600 mal 800 Meter. Dort hat man gewohnt, gelebt, gearbeitet. Dort fand die Messe statt, die ja seit 800 Jahren mit Leipzig verbunden war.
Heike Scheller: Es gab sehr tiefe Baublöcke. Die sind zum einen als Erschließungssystem entstanden und man baute in die Grundstücke quasi rein und verband dann die entstehenden Gebäude und, und Nebengebäude sozusagen mit dem Passagensystem. Und dann war natürlich ein besonderer Taktgeber für die Entstehung des Systems die Leipziger Messe. Ich habe es ja schon erwähnt, dass das untrennbar mit Leipzig verbunden ist. Und die hat sich im Laufe der Jahrhunderte gewandelt.
Heike Scheller: Am Anfang hat man sich getroffen auf den Plätzen, das reichte nicht, wurde zu laut. Deswegen zog man sich dann in die Quartiere zurück. Es sind diese besonderen Durchhöfe geschaffen worden, wo man mit einem Pferdefuhrwerk auf der einen Seite reinfahren konnte und auf der anderen Seite wieder raus. Es gab die Warenmesse, also man kam mit allem, was man, oder die Händler kamen mit allem, was die Handwerker zwischen den Messen erzeugt hatten, quasi hierher nach Leipzig, mit großen Fuhrwerken.
Heike Scheller: Und es gab dann in diesen Durchgängen, Durchhöfen, die entstanden sind durch Häusern, quasi die Kaufgewölbe im Erdgeschoss, wo also die Waren komplett eins zu eins zum Verkauf angeboten wurden. Leider sind die meisten dieser Gebäude im Krieg zerstört worden. Wer sich heute daran noch so ein bisschen besinnen möchte, der muss in Barthels Hof gehen. Dort sieht man das noch quasi eins zu eins baulich realisiert.
Heike Scheller: So, und dann änderte sich das Ganze so zum Ende des 19. Jahrhunderts mit der Industrialisierung, als man ein Muster mitbrachte, deswegen Muster-Messe, ein Muster mitbrachte und garantiert war, dass man dieses Muster 1000-millionenfach quasi in der gleichen Qualität und Ausführung herstellen konnte. Das konnten sie nicht mehr an den Gewölben zeigen. Deswegen ist der Bautyp Messerhaus entstanden und diese Häuser waren ein riesen, ein Bombengeschäft für ihre meistens privaten Erbauer,
Heike Scheller: nachdem also die Stadt das erste Städtische Kaufhaus als Mustermesse-Haus gebaut hatte. Und die wurden dreimal im Jahr, also vor dem Krieg, gab es noch dreimal im Jahr Messen, danach dann nur noch zweimal, die Frühjahrs- und die Herbstmesse zu DDR-Zeiten. Die wurden also dreimal im Jahr genutzt. Den Rest der Zeit standen die Obergeschosse leer. Es war trotzdem ein Bombengeschäft und
Heike Scheller: aber irgendwie gehörten die Häuser ja zum Stadtorganismus und die könnten ja im Erdgeschoss nicht leer stehen. Und deswegen sind also quasi Passagen dann im Erdgeschoss entstanden, um die Gebäude auch außerhalb dieser Messezeiten, ja, im Stadtorganismus integriert zu haben und Geschäfte anzubieten. Und natürlich habe ich auch überall hier die Treppenhäuser anliegen, die sind also auch, haben also auch eine wesentliche Erschließungsfunktion.
Heike Scheller: Und wenn Sie jetzt hier nun ganz konkret nach der Messehof-Passage fragen, dann, ich sage mal: ja und nein. Alt und neu in einer, denk ich, ganz gelungenen Verbindung. Das Haus insgesamt ist jetzt nicht mehr gründerzeitlich. Das Haus ist in DDR-Tagen nach den Kriegszerstörungen entstanden. Also der Vorgängerbau ist hier kriegszerstört worden. Ist es dann 1948 bis 50, ist das, der Messehof als Messehaus entstanden.
Heike Scheller: Das Problem der meisten Messehäuser ist, dass sie einfach geschlossene Ausstellungsetagen hatten, also die, so war auch dieser Durchgang bis zu seiner Änderung so um 2005 herum quasi nur eingeschossig, also ein dunkler, künstlich beleuchteter Durchgang. Und die Obergeschosse, ja Kaufsetagen hätten’s sein können, Museen oder so was. Aber für Bürozwecke fehlte einfach das natürliche Licht. Und so war also die Einigung der Denkmalpflege, dass die historischen Vorderhäuser zur Petersstraße und zum Neumarkt quasi erhalten geblieben sind.
Heike Scheller: Und der Mittelteil wurde abgebrochen und durch “Weiß und Volkmann”, also Leipziger Architekten, hier komplett neu aufgeführt worden, so ein bisschen in der Tradition wirklich der barocken Durchhäuser mit den Fassaden und dieser Glasüberdachung und so ist also einfach diese Mischung hier entstanden, mit dieser sehr schönen Pilzhalle, so als Auftakt, wo früher man die Messetagen erschlossen hat, mit dem Zeugnis, wo man also die 50er Jahre noch deutlich quasi ablesen kann, mit dem sozialistischen Realismus der Pilzsäule. Ist ein sehr gelungenes Beispiel einer Mischung zwischen Alt und Neu.
Axel: Sie sagten eingangs, dass die Durchgänge geschaffen wurden. Das heißt, wortwörtlich hat man dann einen Durchbruch durch die schon stehenden Häuser einfach gemacht?
Heike Scheller: Nö, man hat zum einen bestehende, also zum einen, ich sag mal, Sie müssen das Wort, also Passage wird heute allgemein genutzt oder man hat auch ein bestimmtes Bild über Passage irgendwie so im Kopf. Das war dieses System, was vor dem Krieg von über 50 solchen einzelnen Elementen quasi bestand. Das war alles, das waren einfach wirklich Höfe zum Durchgehen, wo sie also durch normale Haus-Einfahrten gegangen sind.
Heike Scheller: Dann sind sie durch die Höfe gegangen und sind auf der anderen Seite wieder durch einen Hauseingang rausgegangen, sind also durchgebrochen, speziell durchgebrochen wurden die also quasi nie. Sind also einstmals überbaute freie Wege auch gewesen, also statt Befestigungsanlagen. Das lässt sich in der Hainstraße ganz gut nachvollziehen. Aber hier schon, in den modernen Messehäusern, also modern gründerzeitlichen Messehäusern, sind sie also bewusst angelegt, ja. Wenngleich dieses Netz, durch das wir uns jetzt ja gleich weiterbewegen werden, so in dieser Systematik erst dann wirklich nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist, als Eigentumsfragen mal eine kurze Zeit keine Rolle mehr spielten und die Verbindungen hergestellt worden sind.
Heike Scheller: Also ansonsten waren das Systeme, die autark bestanden hatten. Und das ist wirklich das Besondere von Leipzig, dieses Netz, dieses System auf dieses städtische Innenraumsystem. Also im Grunde genommen können sie von Ost nach West die Stadt durchqueren, ohne die öffentlichen Straßen zu benutzen. Und das hatte natürlich erhebliche Schäden nach den Zerstörungen. Es war immer das Ziel, das wieder zu ergänzen.
Heike Scheller: Und heute haben wir mit den Neubauten so etwa 25 dieser Passagen, Durchgänge, Durchhöfe. Und diese Vernetzung ist dieses typische Alleinstellungsmerkmal von Leipzig.
Axel: Ja, besonders interessant, gerade für Gäste mit Kindern hier in der Messehof-Passage, hier findet ihr das Leipziger Familiencafé. Hier können die Eltern runterkommen und einen Kaffee und regionale Spezialitäten genießen und die Kleinen können in Sichtweite der Eltern gemeinsam spielen. Ja, viele Leckereien, wie zum Beispiel die Brotaufstrich von leibspeis, Konfitüren gibt es auch von Rosenberg Delikatessen und auch regional erzeugte Produkte ganz allgemein aus dem Geopark Porphyrland.
Axel: Die warten hier alle auf euch, alles aus Leipzig und Region. Ich würde vorschlagen, wir machen unsere Tour mal weiter und zwar in Richtung Mädler-Passage.
Aileen: Los geht’s.
Axel: Okay, jetzt stehen wir hier ganz zentral in der Mädler-Passage, lichtgeflutet.
Aileen: Und hier sieht es auf jeden Fall ganz anders aus als in der anderen Passage. Deutlich älter, würde ich jetzt mal schätzen.
Heike Scheller: Ja, 100 Jahre, gut 100 Jahre.
Aileen: Mit auch sehr, sehr viel Oberlicht.
Heike Scheller: Das ist richtig. Also wir haben jetzt gleich als zweite Station den absoluten Höhepunkt und das Highlight des Leipziger Passagensystems. Also es gibt so ein, so ein Standard-Buch von Geist, also das, es, es, wann ist denn das entstanden? 1990 oder so ähnlich ist dieses Buch entstanden, “Passagen. Ein Bautyp des 18., äh, des 19. Jahrhunderts”, also er beschäftigt sich sehr theoretisch mit Passagen.
Heike Scheller: Und wenn ich also diese Passage hier angucke, dann entspricht das in Reinkultur seiner Definition von nach innen gezogenen Straßen-Fassaden, von einer Organisationsform des Einzelhandels, ein Erschließungssystem, Witterungsschutz, Verbinden, Abkürzen, das Oberlicht quasi, was also die Passage belichtet. Das ist also alles diese Definition in Reinkultur und eigentlich entstanden in einer Zeit, wo die Passagen, der Passagen-Bauboom sozusagen um, um 1900 schon, schon eher wieder im Abflauen war.
Heike Scheller: Und hier insbesondere, weil dann Brandschutz-Vorschriften bestimmte Dinge verboten haben. Deswegen sehen wir also auch das Stahlbetondach, weil also die reine Stahlkonstruktion aus Brandschutzgründen nicht mehr erlaubt war. Aber nichtsdestotrotz ist es also das absolute, das absolute Highlight hier in Leipzig, 1912/14 erbaut, also diese guten 100 Jahre von Moritz Mädler. Er war ein Leipziger Kofferfabrikant, sehr erfolgreich.
Heike Scheller: Er hatte auch in der Petersstraße leider kriegszerstört sein Haus, wo er also quasi das auch architektonisch, dieses Koffer-Thema, verarbeitet hat. Das hat er hier nicht gemacht. Das war von Anfang an das Porzellan-Messehaus und an dieses, an diese Geschichte der Porzellanerstellung erinnert ja auch dieses Meißner Glockenspiel, was wir hier in der Rotunde finden. Das ist allerdings erst zu DDR-Zeiten quasi in Erinnerung eingebaut worden.
Heike Scheller: Die L-Form ist alt. Also ich habe da vorhin gesagt, mit diesen autarken Systemen, also es gab dort dieses, dieses L mit der Königshaus-Passage, es gab hier diese L- Form zum Neumarkt, was die, die Mädler-Passage hier anbetrifft, und es gab einfach diesen geraden Durchweg der Messehof-Passage, die früher anders hieß, aber jetzt halt die Messehof-Passage ist, so und Sie können Mädler-Passage nicht sagen ohne Auerbachs Keller.
Aileen: Ja.
Heike Scheller: Und dann geht’s weiter. Vom Auerbachs Keller kommen wir auf Auerbachs Hof, und dann sind wir bei Goethe, und dann sind wir bei Faust. Und wir feiern ja auch dieses Jahr 500 Jahre Auerbachs Keller. Also unbedingt zum Osterspaziergang. Das sind, glaube ich, die absolutesten Highlights an, an Veranstaltungen. Vielleicht um die Osterzeit mal wieder herkommen. Also das ist also so, dass den Auerbachs Hof, der Auerbachs Hof ist 1530 entstanden. Heinrich Stromer zu Auerbach aus der Pfalz,
Heike Scheller: nicht dieses sächsische Auerbach, sondern aus der Pfalz, ist 15-jährig als Student hierhergekommen, hat hier Medizin studiert, war äußerst erfolgreich als Arzt und hat also 1519 dieses Areal gekauft und dann den Auerbachs Hof verrichtet. Das war eine Aneinanderreihung von Kaufgewölben, also für, für Messezwecke mit entsprechenden gastronomischen Einrichtungen und Veranstaltungssälen und Wohnbereichen, wo sie alle Luxusartikel der Welt kaufen konnten, und die sächsischen Könige und Kurfürsten waren also sehr gerne hier zu Gast.
Heike Scheller: Also August der Starke, weil also das, was die hier erwarben, musste dann die Stadt immer bezahlen. Es war ja, es war so, also da war, ich glaube, August der Starke ist regelmäßig hier zu Messezeiten zu Gast gewesen, hat also hier gekauft und das durfte die Stadt kaufen und hatte also ja unweit, also hier im Nachbarhaus, das heißt ja nicht umsonst Königshaus.
Heike Scheller: Also auch hier quasi genächtigt. Nun waren die Kaufgewölbe einfach in die Jahre gekommen, sie genügten nicht mehr und deswegen hat dann also hier Moritz Mädler das erworben und dieses Gebäude, den Auerbachs Hof, abreißen lassen und die Mädler-Passage 1912/14 hier von Theodor Kösser errichten lassen. Es gab viele Proteste, vor allen Dingen wegen Auerbachs Keller.
Aileen: Wirklich?
Heike Scheller: Seinerzeit ja, gab’s viele Proteste, weil der Weinkeller ist noch älter als der Auerbachs Hof, der entstanden ist, also noch mal 100 Jahre älter.
Heike Scheller: Ausschank ist es allerdings auch seit 1525. Und weil also diese Geschichte untrennbar mit Faust und dem Faustritt und Goethe verbunden war. Und nun war das ja mit Goethe so, der ist ja auch sehr jung nach Leipzig gekommen, hat hier auf dem Neumarkt also in Steinwurfweite, da, wo heute Kaufhaus Galeria ist, quasi gewohnt, hatte seine Studentenbude dort, also wenige Schritte vom Auerbachs Keller entfernt.
Heike Scheller: Und dort ist er einfach in Kontakt gekommen mit dieser Faust-Sage und hat sie nachher verarbeitet, die ihn allerdings sehr lange beschäftigt hat. Als Student ist er schon 1768 aus Leipzig weggegangen. Er war ein drei Jahre hier und der Faust I ist dann erst 40 Jahre später erschienen. Also er hat sich sehr lange beschäftigt und nun ist es natürlich heute verankert durch die, durch die Skulpturen, durch diese Figurengruppe, die also Molitor geschaffen hat und wo man immer den Fuß reiben muss, damit man auch gesund bleibt und glücklich nach Leipzig wiederkommt.
Aileen: Zu Auerbachs Keller, können wir an dieser Stelle natürlich auch gerne wieder einwerfen, haben wir auch eine Folge. Wenn ihr die Nachhören wollt, könnt ihr das natürlich sehr gerne tun. Ich habe noch kurz eine Frage und zwar wurde hier irgendwas zerstört? Weil ich finde, es sieht, es sieht aus, als ob man hier eine Zeitreise macht, wenn man reinkommt.
Heike Scheller: Da, hier wurde nichts zerstört.
Aileen: Gar nichts?
Heike Scheller: Nein.
Aileen: Wow. Wie Glück sie gehabt haben
Heike Scheller: Ja, es ist schon beachtenswert, weil also ja nebenan, na ja, zumindest zwei Häuser weiter, das Messe-, wo heute das Messehaus am Markt steht, das total zerstört worden ist. Und auch wenn man dann heute, wenn wir draußen lang gingen zum Zeitgeschichtlichen Forum kommen, ja auch diese Lücke wurde komplett kriegszerstört.
Aileen: Wundervoll, dass es das noch so gibt, dass es so erhalten ist. Das ist sehr schön. Ja, für alle Hörer:innen, die einen besonders zarten Gaumen haben: In der Gourmétage werdet ihr sicherlich fündig, denn das ist ein Feinkostgeschäft mit einer unglaublich riesigen Auswahl.
Axel: Genau. Und noch ein Stück weiter im Specks Hof gibt es noch eine weitere Filiale. Dort gibt es vor allem Spirituosen mit und ohne Alkohol. Vielleicht so als kleines Mitbringsel aus Leipzig. Apropos Speckshof, den sollten wir uns doch auch mal noch anschauen, oder Frau Scheller?
Heike Scheller: Das machen wir jetzt auf alle Fälle. Das ist also die Mädler-Passage als Höhepunkt, so dieses klassische Passagenthema, so in Reinkultur der Definition, steht da der Speckshof für einen anderen Typ der Passagen in Leipzig, nämlich den Lichthof-Passagen und das waren eigentlich oder sind die meisten Leipziger Passagen. Lichthöfe, offen oder verglast und verbunden mit quasi Durchgängen im Erdgeschoss und der ist einfach wunderschön und auch preisgekrönt.
Heike Scheller: Es gab, als das renoviert werden sollte, das ist also immer Privateigentum gewesen, das hatte große Zerstörungen. Es hatte zum Beispiel kein Dach mehr nach dem Krieg und die ganzen DDR-Zeiten stand das Gebäude quasi ohne seine Dachlandschaft. Als das saniert werden sollte 1983, hatte- 93, ‘tschuldigung-, hatte der Eigentümer die Idee, quasi außer den Außenfassaden nichts weiter stehen zu lassen und das gesamte Innenleben auszuräumen, sozusagen.
Heike Scheller: Und eine große Mall, eine große Halle einzubauen.
Aileen: Das hat er zum Glück nicht geschafft.
Heike Scheller: Nein, es hat erhebliche Proteste von Leipziger Bürgern und auch von Denkmalschützern quasi angestoßen. Und es ist, also wir gehen dann gleich, ja, durch das, was da Kompromiss entstanden ist. Also ich habe weiterhin diese drei Lichthöfe, die natürlich angepasst worden sind, auch an die neuen Forderungen aber ich habe wesentliche Teile der historischen Innenausstattung quasi wieder erhalten und es hat innen drinne eine wunderschöne neue bildkünstlerische Fassung erhalten, die es so heute auch nicht mehr gibt.
Heike Scheller: Also man muss auch schon mal Bilfinger & Berger danken, also dem Bauherrn seinerzeit, der also diese bildkünstlerische Ausstattung wieder ermöglicht hat. Diese Sanierung hat 1996 auf der MIPIM, das ist die weltgrößte Immobilienmesse in Cannes, quasi den Preis für das schönste sanierte Bürogebäude seinerzeit, also 1996, erhalten. Aber ich denke, ich finde, es ist es immer noch.
Axel: Zeitlos schön.
Heike Scheller: Ja.
Aileen: Dann schauen wir uns mal Specks Hof an!
Axel: Ja.
Axel: Nun sind wir hier im Herzstück von Specks Hof angekommen. Ich bin als Veganer noch nicht in Flammen aufgegangen und da stellt sich mir natürlich die Frage: Warum heißt Specks Hof überhaupt so, Frau Scheller?
Heike Scheller: Ja, das hat jetzt nichts damit zu tun, oder ich weiß nicht genau, das ist der Name des Erwerbers, sozusagen.
Aileen: Es wurde kein Speck hier verkauft.
Heike Scheller: Nein, es wurde kein Speck gekauft. Die, obwohl die Fleischbänke traditionell einfach nur auf der anderen Straßenseite der Reichsstraße gewesen sind. Und deswegen heißt der Naschmarkt Naschmarkt. Also von daher wurde dort Speck verkauft. Aber daher hat es nicht, diese Passage nicht ihren Namen, sondern von dem Eigentümer Speck, Maximilian Speck. Der war ein Gastwirts-Sohn, also er ist bei Meißen geboren, war also ein Gastwirts-Sohn und
Heike Scheller: kam um 1790 nach Leipzig, als Handlungsgehilfe. Er hat im Wollhandel gearbeitet, hat sich hochgearbeitet bis zum Mitinhaber einer Woll-, Woll-Handelsfirma, die ist dann aufgelöst worden. Er hat eine eigene Woll-Handelsfirma gegründet und ist also äußerst erfolgreich gewesen, Ich sag’s jetzt mal so, mit der Schafzucht. Es ist eine Zeit also, als Napoleon hier herrschte, von 1806 bis 1813, gab es die Kontinentalsperre, das heißt, es durften keine englischen Produkte nach Europa eingeführt werden, also auch keine Wolle.
Heike Scheller: Und das war verheerend, also mehr als verheerend für die sächsische Textilindustrie zu dieser Zeit. Es gab die meisten Spindeln, die meisten Spinnereien deutschlandweit waren also in Sachsen verortet, zusammen mit dem ganzen Textilgewerbe. Und in dieser Zeit hat er also angefangen, Schafe zu züchten und ist mit dem Wollhandel reich und groß geworden, reiste durch ganz Europa, berichtete von, von dieser Schafzucht.
Heike Scheller: Es war so eine Art Merinoschaf, ein besonderer Name, Electoralschaf nannte sich das. Er ist auf Einladung des russischen Zaren in, in Russland gewesen, hat über die Landwirtschaft quasi gesprochen und, und, und die Viehzucht gesprochen, ist von dort zum Ritter geschlagen worden vom Zaren, hieß dann also Maximilian von Speck sozusagen. Und dann setzte der bayerische König Ludwig der Erste noch mal vier Jahre später, 1829, quasi die, die Krone auf und hob ihn in den Freiherrnstand.
Heike Scheller: Und seit dieser Zeit heißt es also Maximilian Speck von Sternburg, wobei Sternburg ein Phantasiename ist. Also das hat jetzt nicht irgendwo einen Stadtvorsprung, das hat er sich also so ausgedacht. Und dieser Maximilian Speck hat also 1815 das Gebäude, das barocke Gebäude erworben, was wir hier auf dieser sehr schönen Darstellung der Vorgängerbauten quasi sehen, da auf der rechten Seite dieses Eckgebäude Schuhmachergäßchen/Reichsstraße sehen Sie Specks Hof, das ist also das barocke Gebäude, was also Maximilian Speck quasi erworben hat und seit dieser Zeit seinen, seinen Namen trägt. Das ist, das Haus ist dann über die die Jahre dann nicht in der Familie geblieben.
Heike Scheller: Und 1908 hat also der, der Leipziger Kaufmann Paul Schmutzler zusammen mit dem Leipziger Architekten Emil Franz Hänsel, der also nicht ganz unberühmt ist in Leipzig, der also zum Beispiel das alte Kaufhaus am Brühl gebaut hat und noch ganz viele Bauten hier in Leipzig errichtet hat, die haben also dieses Areal erworben, zusammen neben dem Specks Hof. Also die anderen Gebäude, die Sie hier auch sehen, also zum Beispiel auf der linken Seite sehen wir wieder das Schuhmachergäßchen und dann das Nürnberger Häuschen.
Heike Scheller: Also das ist auch einer dieser Vorgängerbauten hier des heutigen Specks Hofs. Die haben sie also nach und nach erworben und dann quasi nach und nach auch dieses fantastische Messehaus errichtet. Mit dieser integrierten Passage aus den Gründen, die ich ja schon quasi dargestellt hatte, dass man also auch außerhalb der Messe-Zeiten quasi am Stadtleben weiterhin teilnehmen konnte und die Besonderheit dieser Passage sind eben halt die Lichthöfe.
Heike Scheller: Ich habe also hier drei Lichthöfe, die verbunden sind, mit eingeschossigen Durchgängen. Die Lichtschiffe waren da, aber sie reichten natürlich auch nicht, dieses Messehaus in die heutige Zeit zu überführen, also die Arbeitsstätten-Richtlinie, was also eine Büro-Belichtung anbetrifft, reichten also nicht aus. Und, ich hatte das schon erzählt, die Diskussionen, die es dann ab 1993 quasi gegeben hat. Und wir stehen jetzt hier eigentlich in dem, ich sage mal, sich darstellenden oder verwirklichten quasi Kompromiss.
Heike Scheller: Der erste Hof in der Reichsstraße, der ist immer groß genug gewesen ist, der ist also in seiner Ausführung so geblieben und hat in sich vereint all das, was also schon mal eine Renovierung der Passage zu DDR Zeiten quasi gebracht hat. Also dieser figürliche Schmuck dort stammt schon aus den 1980er Jahren. Und hier in diesem Hof gibt es nun die Treppenhauswand sozusagen, die in ihrer historischen Position erhalten geblieben ist mit all ihrem fantastischen Bleiglasschmuck,
Heike Scheller: der Treppenhaus-Fenster, die, ich sag mal, wie durch ein Wunder die Zerstörung, die es ja hier gab, es hatte ja wirklich kein Dach mehr, quasi überstanden haben. Und auch hier im Erdgeschoss nach der Reichsstraßenseite zu, die, die historische Position. Und ich habe dann in den Obergeschossen die Erweiterung, um halt die heutigen Belichtungsanforderungen quasi zu genügen. Die kupfergetriebenen Decken der Durchgänge, die noch erhalten gewesen sind, sind also ausgebaut worden, sind also wieder eingebaut wurden.
Heike Scheller: Genauso wie hier die, die Schaufenstergestaltung, die also noch diese sehr historische Anmutung trägt. Ja, und dann war es, was ich schon gesagt hatte, Bilfinger & Berger, dieser sehr kunstinteressierte Bauherr, der also dann außerdem Schmuck, wie gesagt, aus den 1980er Jahren, zu dem übrigens auch dieses Relief gehört, oder diese Darstellungen auf Meißner Keramikplatten der Vorgängerbauten von, von Moritz Götze hier wieder in diese baukünstlerische Ausgestaltung gebracht. Das heißt, hat jetzt mit dem Haus nicht wenig zu tun, das heißt “Der Morgen, der Mittag, der Abend”.
Heike Scheller: Und wenn wir dann in den nächsten Hof weitergehen, dann wird es ein bisschen bescheidener. Der ist also komplett neu angelegt. Dort finden wir dann Medaillons sozusagen die, also an die, an die Geschichte des Hauses erinnern. Wir sehen da Schuhe in allen möglichen Varianten, denn Specks Hof, ja, vielleicht wieder eine Reminiszenz an den Namen, aber war das Lederwaren-Messehaus.
Heike Scheller: Also dort gab es alle möglichen Lederwaren.
Aileen: Ja.
Heike Scheller: Ja, es hat eine seltsame Verbindung zum Namen, obwohl er, glaube ich, nicht absichtlich ist.
Aileen: Unweit jetzt von hier entfernt gibt es ja noch die Strohsack-Passage, was ich sehr interessant finde. Woher kommt denn der Name? Wenn wir jetzt schon beim Namen Speck die ganze Zeit waren, lagen das Strohsäcke rum oder warum heißt die so?
Heike Scheller: Ja vielleicht. Also dieser Gebäudekomplex, der beinhaltet ja diesen Neubau hier an der Nikolaistraße, also diese kriegs-, diese kriegszerstörten, diese Baulücke, die es quasi gegeben hat, also diem, der moderne Bau, der die Baulücke schließt, und der geht ja aber durch bis zur Ritterstraße, und dort steht ein historisches, barockes Gebäude, und das trägt den Namen Strohsack und ist quasi aus diesem Namen über die ganze Passage überführt worden.
Heike Scheller: Dieses Haus, der Strohsack, das war im 15. Jahrhundert eine sogenannte Bose, Bose könnte man sich so heute als Vorläufer des Studentenwohnheims vorstellen. Und ich gehe mal davon aus, dass die Studenten nicht auf modernen, äh, Matratzen wie heutzutage gelegen haben, sondern dass das einfach dann ein Stroh gefüllter Sack gewesen ist, auf dem sie gelegen hat und einfach daher der Name gekommen ist.
Aileen: Okay.
Axel: Ja, Frau Scheller, an dieser Stelle ganz herzlichen Dank für Ihre Sonderführung für uns und unsere Hörerinnen und Hörer, vor allem auch für die ganzen fachlichen Hintergründe, die man, glaube ich, so in der Form nicht bei jeder 08/15-Tour mitbekommt.
Aileen: Vielen, vielen lieben Dank!
Heike Scheller: Gerne. Wobei ich jetzt eine Lanze für meine Stadtführer-Kollegen brechen möchte.
Aileen: Sehr gerne.
Heike Scheller: Da ist die Ausführung, da ich die Ausbildung mitgemacht habe, weiß ich, dass, glaube ich, alle ganz gut im Bild sind.
Axel: Also meinen Sie, auch bei den anderen mal noch vorbeischauen unbedingt?
Heike Scheller: Gerne.
Aileen: So, Axel, ich finde das Wetter ehrlich gesagt gerade nicht mehr ganz so frühlingshaft schön. Wollen wir vielleicht einfach wieder in die Passage zurückgehen?
Axel: Ich glaube, ja. Ehe es anfängt zu regnen, ist das ganz schlau.
Axel: Ach hier, schau mal, wir haben ja in den vergangenen Folgen immer mal wieder auch die Leipziger Lerchen angesprochen.
Aileen: Stimmt.
Axel: Das ist dieses einzigartige, süße Gebäck mit der, ja, auch unverkennbaren Form. Und besonders gute Lerchen, die gibt es hier im Café Kandler, das ihr eben auch hier in Specks Hof findet.
Aileen: In der Strohsack Passage findet ihr übrigens auch noch unter anderem das Naturparadies Leipzig. Das ist für Naturkosmetik und natürliche Lebensmittel bekannt. Außerdem gibt es dort nach Contigo, ein Geschäft für Fairtrade-Leckereien, für Mode und Deko.
Axel: Ja, und wenn ihr jetzt auch Lust habt, euch die teils sehr kunstvollen und historischen oder topmodernen Passagen Leipzigs anzuschauen, ja, dann macht das doch und kommt uns gerne mal besuchen. Außerdem ist Leipzig auch für seine schön gestalteten Höfe bekannt, die wirklich auch ein echter Blickfang sind. Unweit der Strohsack-Passage, an der wir gerade waren, haben wir zum Beispiel als Oelßners Hof.
Axel: In dem findet ihr das Geschäft Grünschnabel, dort gibt es fair produzierte Mode.
Aileen: Und ich finde, das Schöne ist ja, so ein Bummel geht eigentlich immer. Im Sommer ist es hier drinnen in diesen Passagen angenehm kühl und wie jetzt gerade bei uns, bei etwas schlechterem Wetter ist es definitiv trocken. Noch mehr Infos zu unseren Stationen, die wir alle abgeklappert haben, den Geschäften und natürlich auch viele weitere Tipps für eure Leipzig-Reise findet ihr in den Shownotes und auf leipzig.travel.
Axel: Ja, und wenn euch diese Folge gefallen hat, dann lasst uns gern eine Bewertung da und am besten abonniert ihr diesen Podcast auch - natürlich kostenfrei - da verpasst ihr die nächste Folge nicht.
Aileen: In der nächsten Folge widmen wir uns nochmal Leipzig als Musikstadt und schauen uns an, wie sehr, sehr hochwertige Instrumente gebaut werden. Ich bin auf jeden Fall super gespannt auf die Folge.
Axel: Ja, und ich bin gespannt, wie ein Flitze- oder besser Geigenbogen.
Aileen: Axel, das waren jetzt, glaube ich, zwei Flachwitze in dieser Folge, oder? Habe ich richtig mitgezählt?
Axel: Ja, hast wohl recht, man soll gehen, wenn es am schönsten ist. Und in diesem Sinne sage ich Tschüss und bis zur nächsten Folge.
Aileen: Macht’s gut, Ciao!
Outro: Willkommen in Leipzig - Der Podcast für deine Leipzig-Reise.