Die Komponistin Fanny Hensel war eine der bedeutendsten ihrer Zeit. Die Schwester des großen Musikers Felix Mendelssohn Bartholdy genoss schon früh eine ausgezeichnete Musikausbildung. Doch während sich ihr Bruder eine Karriere aufbauen konnte, wurde Fanny als Frau im 19. Jahrhundert eine andere Rolle zugeschrieben. Und dennoch ist sie heute als talentierte Pianistin, Komponistin und Konzertorganistin berühmt. Wie machte sie sich als Musikerin einen Namen? Wie lebte es sich im Schatten des erfolgreichen Bruders? Und wie war ihre Verbindung zu Clara Schumann? Das Mendelssohn-Haus Leipzig widmet dem Leben und Schaffen der Berlinerin Fanny Hensel eine ganze Etage. Spannende Einblicke in ihre Gedanken, gemeinsame Arbeiten mit ihrem Mann und Aufnahmen ihrer Kompositionen bekommt ihr in dieser Folge von „Willkommen in Leipzig“.
Links:
Mendelssohn-Haus Leipzig
Podcast-Folge 6 – Mendelssohn-Haus: Empathie & Musik
Podcast-Folge 37 – Clara Schumann: Leipziger Musikerin zwischen Konventionen und Kompositionen
Musikinstrumentenmuseum Leipzig
Podcast-Folge 7 – Bach-Museum: Von Fleiß und Festlichkeiten
Bach Museum Leipzig
Diese Podcast-Folge wird mitfinanziert durch Steuermittel auf der Grundlage des von den Abgeordneten des Sächsischen Landtags beschlossenen Haushalts.
Leipzig ist eine Stadt mit unzähligen Facetten: Musik und Kultur, Natur, Wasser und Freizeit, junge Kreativszene, versteckte Geheimtipps und beliebte Szenemeilen. Im Podcast „Willkommen in Leipzig“ kannst du hören, was es in unserer Stadt alles zu sehen gibt. Unsere beiden Moderatoren Aileen & Axel nehmen dich mit auf eine Reise in diese wundervolle Stadt.
Aileen Hi und willkommen zu unserer zweiten Spezialfolge zum Thema “Frauen in der Musik”. Ihr hört “Willkommen in Leipzig - Der Podcast für deine Leipzig-Reise”. Ich bin Aileen und wieder an meiner Seite ist Axel. Grüß dich!
Axel Ja, hi Aileen und auch von mir ein Hallo an unsere Hörer:innen. Wie du richtig sagtest, zweite Spezialfolge und das Schöne: auch mit direkter Verknüpfung. In der letzten Ausgabe ging es um die Komponistin und Pianistin Clara Schumann. Und die war gut befreundet mit Fanny Hensel. Um genau die geht es heute, denn auch sie war eine bedeutende weibliche Persönlichkeit der Musikgeschichte.
Aileen Wir stehen jetzt gerade vor dem Mendelssohnhaus, um mehr über ihr Lebenswerk zu erfahren.
Axel Ja, und vielleicht fragt ihr euch Fanny Hensel? Mendelssohnhaus? Hä?
Aileen Ja, sie und Felix Mendelssohn Bartholdy sind nämlich Geschwister, und man kann sagen, dass ihr Bruder ihr in gewisser Weise auch geholfen hat, sich selbst mit der Musik zu verwirklichen. Denn eigentlich galt es damals als unschicklich für Frauen, als Komponistin zu veröffentlichen.
Axel Doch viel mehr dazu erfahren wir jetzt im Mendelssohnhaus. Wir sind dort verabredet mit Juliane Baumgart-Streibert. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Felix Mendelssohn Bartholdy Stiftung. Das Mendelssohnhaus erreicht ihr ganz leicht vom Augustusplatz aus, also quasi dem Stadtzentrum, ist das ein kleiner Spaziergang in die Goldschmidtstraße.
Aileen Ja, und ich würde sagen, wir gehen rein, oder? Ich bin auf jeden Fall gespannt. Du warst ja sogar schon mal hier, Axel, oder?
Axel Ja, aber mit anderem Themenschwerpunkt. Und deshalb für mich heute wieder eine ganz neue Erfahrung.
Intro Willkommen in Leipzig Der Podcast für deine Leipzig-Reise.
Axel Ja, hallo Frau Streibert, ich bin Axel. Das ist meine Kollegin Aileen.
Aileen Hallo.
Axel Vielen Dank für die Einladung. Wir sind hier in einem, ja, ziemlich opulenten Raum, haben uns hier getroffen. Hier steht ein Flügel. Können Sie uns beschreiben, wo wir uns hier gerade befinden und was das hier für ein Raum war?
Juliane Baumgart-Streibert Ja, opulenter Raum, das ist schon genau richtig. Und Flügel auch. Beides zusammen ergab das Musikzimmer oder der Musiksalon, die Familie Mendelssohn Bartholdy, die 1845 hier in diese Wohnung eingezogen ist, hatte eben diesen schönen Raum als Ort, wo man sich getroffen hat, wo man Geburtstage gefeiert hat, wo man auch Musikerkollegen eingeladen hat, also zum Beispiel Clara und Robert Schumann, wo man Feste gefeiert hat, Weihnachten, Neujahr, also alles, was irgendwie mit vielen Menschen zu tun hatte, das fand hier statt. Und wenn Sie mal nach unten schauen, Sie hören es vielleicht jetzt auch, wenn ich gehe. Das ist der originale Fußboden von 1845, also aus der Zeit, als Felix Mendelssohn Bartholdy hier gewohnt hat. Ja, und natürlich gehört ein Flügel dazu. Wenn Sie sich jetzt umschauen, dann sieht es alles ein bisschen nicht mehr so nach Wohnzimmer aus.
Aileen Es hat eher was von einem Konzertsaal.
Juliane Baumgart-Streibert Ja, das ist vollkommen richtig. Und es ist auch ein Konzertsaal. Wir führen die Tradition der Sonntagsmusiken fort, die im Elternhaus Mendelssohns angefangen hat, von den Eltern initiiert wurde, dann von Fanny Hensel in Berlin weitergeführt wurde. Und nach ihrem Tod ist dann, seit das Haus 1997 eröffnet wurde, hier diese Tradition wieder aufgenommen worden. Und damit eben die Leute nicht stehen müssen, ich mein’, die Mendelssohns hatten keine 60 Stühle, hat man die Stühle, die aus den Zimmern mit den Möbeln, aus dem Besitz der Familie, kopiert und hat diese Kopien als Konzertbestuhlung genommen.
Aileen Schön. Jetzt ist der Name gerade schon gefallen, Fanny Hensel, Schwester von Felix Mendelssohn Bartholdy. Sie war Komponistin, ebenfalls wie ihr Bruder. Wie haben die beiden denn-, haben die zusammengearbeitet, haben die sich gegenseitig unterstützt? Wie war so deren Schaffen? Oder war das so Geschwister-mäßig, Ellbogen raus?
Juliane Baumgart-Streibert Nein, Also Ellenbogen raus, überhaupt gar nicht. Also die beiden haben zusammen Kompositionsunterricht erhalten, also wirklich gemeinsam.
Juliane Baumgart-Streibert Sie haben gemeinsam bei den besten Pianisten Unterricht erhalten. Also sie haben so wirklich die, die musikalische Ausbildung gemeinsam bekommen, gleichberechtigt. Dann allerdings gab es einen Unterschied, den der Vater gemacht hat. Er hat eben gesagt oder schrieb an seine Tochter, dass die Musik, während sie für Felix vielleicht einmal der Beruf wird, für sie stets nur Zierde bleiben wird. Aber das ist natürlich auch der Zeit geschuldet. Also Ellenbogen raus, das gab es bei der Familie nicht. Und auch als dann Fanny Hensel und Felix Mendelssohn Bartholdy getrennt gewohnt haben, Mendelssohn hat ja dann auch in Düsseldorf gewohnt und in Leipzig gewohnt, hat man sich trotzdem die Werke, die man komponiert hat, gegenseitig zugeschickt und hat sie, hat sie kritisiert, hat gesagt “Das gefällt mir, das gefällt mir gar nicht. Und warum musst du denn das so spielen? Das ist für die Finger total un-, furchtbar zu spielen. Also das ist nicht so schön. Und warum hast du denn das wieder geändert? Das war doch eigentlich in der vorherigen Fassung total schön und jetzt ist es alles anders. Das musst du mir beim nächsten Mal erklären.” Also solche Sachen hat man, man hat sich wirklich gegenseitig da auch musikalisch und ja, wie Musikerkollegen eigentlich behandelt und was natürlich auch mit Kritik einherging. Und es gab natürlich auch Differenzen zwischen beiden, logischerweise, aber das war sozusagen nie, ja, wie soll man sagen. Ja, das gibt es immer bei Geschwistern, dass man sich auch mal nicht so nicht so gut versteht oder, oder dass man einfach merkt, dass man sich unterschiedlich entwickelt hat in der Zeit, in der man nicht zusammen gewohnt hat. Dann trifft man wieder auf einander und sagt na ja, also hm, da gibt es dann schon so ein paar Ecken und Kanten, wo man sagt na ja, also wenn das jeden Tag jetzt wäre, dann gäbe es wahrscheinlich Krach.
Aileen Das können, glaube ich, alle, die Geschwister haben, so unterstreichen.
Juliane Baumgart-Streibert Aber die wirklich, es gab ein sehr, sehr enges Band zwischen den Geschwistern und das merkt man einfach auch an den Briefen. Also man hat versucht, sich auch über die Distanz hinweg total nahe zu sein. Was vielleicht auch erwähnenswert ist, es gab so eine, ja, fast wie so eine Zwillingsbeziehung. Also es konnte, kam vor, dass Mendelssohn sich mit einem Stück in Düsseldorf auseinandergesetzt hat und Fanny zur gleichen Zeit auch in Berlin. Und dann hat man das später festgestellt: “Ach, damit hast du dich auch gerade beschäftigt?” Es gab da wirklich so eine, ja, wie so eine Art Gedankenübertragung, kann man fast sagen, ja.
Axel Wir sind ja jetzt schon voll im Thema drin. Ich habe gehört, dass es hier im Haus eine Etage gibt, die Fanny gewidmet ist. Wollen wir uns die mal anschauen?
Juliane Baumgart-Streibert Ja, können wir gerne machen. Das stimmt. Wir haben eine Ausstellung zu Fanny Hensel. Ich habe ja schon erzählt, dass es zwischen beiden ein ja, dass es eine besondere Geschwisterbeziehung war. Und wir haben gesagt, eigentlich ist Mendelssohns Leben nicht komplett erzählt, wenn man nicht auch etwas über seine Schwester erzählen kann. Und als wir dann die Möglichkeit hatten, diese Etage einzurichten, da sind wir natürlich mit Feuereifer daran gegangen, auch für sie eine schöne Ausstellung hier im Haus zu verwirklichen. Wir gehen mal hoch.
Aileen War das hier früher die Treppe, die durch das Haus geführt?
Juliane Baumgart-Streibert Ja, ja.
Aileen Wie der Flur einfach?
Juliane Baumgart-Streibert Ja, das war die Treppe, wirklich, die ja zu anderen Wohnungen geführt hat, die von anderen Mietern bewohnt wurden. Mendelssohn hat ja hier als Mieter gewohnt, der hat ja nicht das Haus besessen, sondern er ist eben als einer der ersten Mieter in die Wohnung hier in der ersten Etage, in die Beletage, eingezogen. Ja, aber wir verlassen jetzt Leipzig und wir begeben uns nach Berlin.
Aileen Nach links oder rechts?
Juliane Baumgart-Streibert Hier, ja.
Aileen Ah, hier steht’s auch dran.
Juliane Baumgart-Streibert Ja. Die Atmosphäre ist eine ganz andere.
Aileen Ja, das stimmt.
Juliane Baumgart-Streibert Und wir befinden uns jetzt eigentlich hier, in diesem Gartenhaus in Berlin, in das Fanny Hensel eingezogen ist, zusammen mit ihrem Mann nach ihrer Hochzeit. Also, sie sind sozusagen auf dem elterlichen Grundstück wohnen geblieben. Die Eltern hatten das Haus 1825 gekauft und das war erst mal eine Ruine, haben das saniert und das war eben ein Haupthaus, was zur Straße zeigte, Leipziger Straße Nummer 3. Dann gab es zwei Seitenflügel und dann gab es eben dieses Gartenhaus. Und hier, in der Mitte des Gartenhauses war ein riesiger Saal und da passten so 200 Menschen rein. Zur warmen Jahreszeit haben dann dort Konzerte stattgefunden.
Axel Dieser Musiksalon, der hat wohl auch für Clara Schumann eine wichtige Rolle gespielt.
Juliane Baumgart-Streibert Äh, na ja, wichtig, äh, wichtige Rolle eigentlich nicht. Denn die beiden haben sich ja erst, ja im März 1847 kennengelernt. Das war zwei Monate vor dem Tod von Fanny Hensel. Man hat sich getroffen, man hat sich unglaublich sympathisch gefunden. Also es war beiderseitig. Madame Hensel habe ich recht lieb gewonnen und fühle mich besonders in musikalischer Hinsicht sehr hingezogen. Wir harmonisierten fast immer miteinander. Und ist Ihre Unterhaltung immer interessant? Man muss sich nur erst an ihr etwas schroffes Wesen gewöhnt haben.”
Aileen Ist aber nett ausgedrückt.
Juliane Baumgart-Streibert Und Fanny Hensel schreibt in ihr Tagebuch: “Die Schumann sehe ich sehr viel. Sie kommt fast täglich zu mir, und ich habe sie recht lieb gewonnen.” Und die Schumanns haben ja auch überlegt, nach Berlin zu ziehen.
Juliane Baumgart-Streibert Das hat ja wahrscheinlich Herr Nowak Ihnen schon erzählt.
Aileen Genau, damit Hinweis: Falls unsere lieben Hörer:innen es noch nicht gehört haben, wir haben in einer anderen Folge über die Schumanns, vor allem aber über Clara Schumann gesprochen und waren im Schumann-Haus zu Gast. Das könnt ihr euch gerne noch mal anhören.
Axel Wie kann man denn ganz allgemein die Beziehung beider Familien, also jetzt nicht nur die Freundschaft zwischen Fanny und Clara, sondern das Familiengefüge, kann man das irgendwie beschreiben? Gab es da auch noch andere Bande?
Juliane Baumgart-Streibert Ja, das gab es. Also man hat natürlich, Mendelssohn hat, nachdem er Clara hier zum ersten Mal auch gehört hat, sie nach Berlin empfohlen. Sie ist dann auch nach Berlin gereist. Allerdings hat der Vater sich etwas merkwürdig wohl da aufgeführt und Mendelssohns Vater sagte dann, Herr Wieck wäre also ein unerträgliches Leipziger Subjekt. Mendelssohn musste ihm dann auch Recht geben, meinte, er hätte Wieck auch von seiner horriblen Seite kennengelernt.
Aileen Oh, okay.
Juliane Baumgart-Streibert Aber man hat natürlich von ihr Notiz genommen. Man hat dann auch, also gerade auch in der Zeit, als dann Clara Schumann in Berlin war, als sie sich, ja, als das Zerwürfnis mit ihrem Vater in Leipzig war, ist sie ja nach Berlin gezogen, ist zu ihrer Mutter gezogen und sie konnte, ja hatte nicht mehr die Möglichkeit, Klavier zu üben, weil der Vater, wenn ich mich recht erinnere, es allen möglichen, ja Leuten gesagt hat, sie sollen ihr kein Instrument zur Verfügung stellen. Ja, und da hat aber die Familie Mendelssohn gesagt, sie haben ja genügend Musikinstrumente da, sie könne also auch gerne kommen und im Haus der Mendelssohns üben, was sie auch gemacht hat. Und Rebecka beschreibt das, also, Rebecka ist die jüngere Schwester von Fanny und Felix, sie beschreibt es so schön: Also im Nebenzimmer übt Clara und in ihrem Kopf dreht es sich, als wären da Windmühlen in der Lüneburger Heide. Also ich habe jetzt nicht das Zitat ganz perfekt, aber also, das, da hat man schon auch eine, war da auch eine enge Beziehung zwischen den Familien.
Aileen Sie haben es jetzt mehrmals schon so ein bisschen beschrieben, sowohl dass Clara anscheinend - also haben wir auch in der anderen Folge schon besprochen - Probleme mit ihrem Vater hatte, dass Fanny ja auch von ihrem Vater gesagt bekam, na ja, also Frauen in der Musik, eine schwierige Sache.
Aileen Generell war das so der Zeitgeist dort. Trotzdem sind ja beide Frauen sehr erfolgreich geworden. Sehr talentierte Musikerinnen. Wie haben die das hinbekommen, gerade in der Zeit mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten? Wie haben sie es da geschafft, eine Karriere aufzubauen?
Juliane Baumgart-Streibert Na, bei Fanny Hensel kann man jetzt ja nicht sagen, dass sie bewusst eine Karriere aufgebaut hat. Also Fanny Hensel war, konnte letztendlich das machen, was, was ihr gefällt. Solange es sich im häuslichen Rahmen bewegt hat. Der war bei Fanny Hensel natürlich ein etwas größerer. Also, alles, was sozusagen zum Wohl der Familie und was nicht bedeutet hat, dass man es berufsmäßig und gegen Bezahlung macht, das war alles gestattet, selbstverständlich, und wurde auch unterstützt. Sie kam ja auch aus einer Familie, da war schon die Mutter unglaublich begabt. Die Mutter hat ja auch den Anfangsunterricht der Kinder übernommen und sie hat dann eben auch von ihrem Vater gesagt bekommen, dass, ja dass sie ihre Mutter sozusagen als Vorbild nehmen sollte, die all ihre Talente dafür genutzt hat, um sie in den Dienst der Familie und ja, für die Kinder zur Verfügung zu stellen und die Kinder zu unterstützen. Weil Kinder heranzuziehen, ist eigentlich so das Schwierigste und Wichtigste oder eigentlich der schwierigste und wichtigste Beruf. So. Sie hat dann einen Mann geheiratet, Wilhelm Hensel. Der war selbst Künstler, eigentlich ein sehr, sehr konservativer Mann, aber er hätte seiner Frau alles gestattet. Also er hat sie vergöttert, er hat sie auch immer motiviert zu komponieren, auch weiter zu komponieren, hier in ihrer - Man sieht hier eine sozusagen lebensgroße Darstellung ihres Arbeitszimmers in Berlin. Und natürlich war sie, hatte sie auch Phasen, in denen sie so ein bisschen verzagt war, wo sie gesagt hat: “Na ja, eigentlich interessiert sich gar keiner für meine Werke, die ich so spiele.” Dann hat sie eine Zeit lang nicht so intensiv geübt. Dann kamen eben solche Frauen wie Clara Wieck bzw. später Clara Schumann, die natürlich viel, viel jünger waren als sie. Und sie kam sich schon ein bisschen veraltet vor. Also da sagte: “Hach, irgendwie fährt der Zug an mir vorbei und oder der Zug ist abgefahren.” Und er war dann immer derjenige, der, der sie motiviert hat und unterstützt hat und auch gesagt hat: “Publiziere doch, wenn du Lust dazu hast.” Während ihr Bruder gesagt hat: “Na ja, wenn man einmal anfängt zu publizieren, dann muss man es eben auch richtig machen, dann muss man eben auch wirklich wie ein Autor sein Leben lang da stehen”, was natürlich in seiner Perspektive, man muss dazu sagen, er war da noch nicht verheiratet, als er das gesagt hat, natürlich zulasten dann der Familie geht. Also wenn eine Frau letztendlich so arbeitet wie er, denn das war ja sozusagen das, was-, er hat das ja berufsmäßig ausgeübt. Das hieß dann Auftragswerke, die auch fertig werden mussten. Das hieß natürlich auch, Verleger zufriedenzustellen, die angefragt haben, sich immer auch damit auseinandersetzen, dass man, dass man eigentlich gut genug ist. Und Fanny Hensel konnte eigentlich dadurch, dass sie nicht finanziell davon abhängig war, ganz der Kunst leben, was man natürlich, und was, was vielleicht ihr Bruder erst mal auch verkannt hat, dass es natürlich auch ein Anreiz ist, wenn man sich einer Öffentlichkeit stellen muss. Sie hat ja dann auch angefangen zu publizieren. Ein Jahr vor ihrem Tod. Hat dann auch zu ihrem Bruder gesagt: “Ja, ich weiß, dass es dir eigentlich nicht recht ist”, aber sie hat es jetzt dennoch gemacht und Felix gibt ihr dann sein Handwerkssegen, den sogenannten Handwerkssegen. Das stammt aus der Zeit, als sie zusammen bei Carl Friedrich Zelter Unterricht hatten. Und Zelter war eigentlich Maurer von Haus aus und hat sich die Musik sozusagen autodidaktisch angeeignet und hat dann eben auch so dieses Vokabular benutzt, auch in Bezug auf Felix. Und er hat das dann quasi bei Fanny gemacht und hat dann aber kurze Zeit später hat dann gesagt: “Ja, wann kommen denn eigentlich deine nächsten Werke heraus? Mach doch, das ist das, das ist toll.”Also da hat er dann wirklich gesagt: Bring doch, bring doch mehr heraus”, nachdem sie sich dann dazu entschlossen hat. Und vor allem sie hat sich dann entschlossen, ohne von irgendjemandem die Erlaubnis dafür erhalten zu müssen. Es gibt da eben auch ein schönes Zitat, was so ein bisschen die ihr Dilemma zeigt: “Was mein Herausgeben betrifft, so stehe ich dabei wie der Esel zwischen zwei Heubündeln. Ich selbst bin ziemlich neutral. Es ist mir aufrichtig gestanden, einerlei. Hensel wünscht es, du bist dagegen. In jeder anderen Sache würde ich natürlich dem Wunsche meines Mannes unbedingt Folge leisten. Allein hierbei ist es mir doch zu wichtig, deine Bestimmung zu haben. Ohne dieselbe möchte ich nichts in der Art unternehmen.” Das ist 1836 und 1846 ist sie eben selbst so weit, dass sie sagt, diese Bestimmung braucht sie oder diese, diese Zustimmung ihres Bruders braucht sie nicht mehr.
Aileen Jetzt stehen wir ja gerade auf der Fanny Hensel-Etage in ihrem Quasi-Zimmer, wo sie komponiert hat. Hier sind ja noch andere Sachen in diesen Raum, wie zum Beispiel ein Flügel. Hier hängt ein, Sie haben es, glaube ich, Wolke genannt. Ja, es sieht ein bisschen aus wie ein UFO.
Aileen Können wir hier denn auch etwas von Fanny Hensel irgendwie erleben, was sie komponiert hat?
Juliane Baumgart-Streibert Ja, ja, natürlich. Wir haben ja im Eingang, da haben Sie ja gesehen, da sind zwölf Notenblätter…
Aileen Die so beleuchtet sind.
Juliane Baumgart-Streibert Ja, die beleuchtet sind mit Fanny Hensels Schrift, da hat sie mit ihrer, mit ihren Kompositionen und die, der Anfang einer jeden Komposition ist eingerückt. Und das ein wunderhübsches kleines Bild. Und eben ihr Mann Wilhelm Hensel, den sie wirklich sehr geliebt hat, er hat, nach zwölf Jahren Ehe hat sie ihm zu Weihnachten einen Klavierzyklus geschenkt, zwölf Jahre, zwölf Monate. Sie nennt diesen Klavierzyklus “Das Jahr” und verarbeitet da auch natürlich gemeinsame Erlebnisse in diesem Klavierzyklus. Und er malt dann diese wunderbaren Vignetten hinein. Also wirklich ein ja, ein, ein wunderbares Geschenk eines Ehepaars nach zwölf Jahren Ehe. Also es ist wirklich ein, sagen wir mal, ein Meisterwerk eines der großen Künstlerpaare des 19. Jahrhunderts. Diese Komposition lege ich eigentlich jedem ans Herz, der sich, der vielleicht mit der Musik Fannys einsteigen will, von Fanny Hensel einsteigen will, denn die ist einfach toll. Die ist einfach toll. Und deswegen ist auch diese Musik der rote Faden, der durch die Ausstellung führt. Sie sehen, wir haben hier den Winter und wenn man die Schubladen aufmacht, haben wir zu jedem Monat ein Thema zu ihrem Leben. Und das ist eben der Januar. Und diese Klangwolke, Sie sehen ja, haben auch eine Art Recamiere, wo man sich draufsetzen kann und sobald man sich draufsetzt, beginnen die ersten drei Monate des Jahres zu spielen oder erklingen dort. Ja, und das zieht sich dann hier weiter. Das ist dann der Frühlingsraum, dann kommt der Sommerraum und dann der Herbstraum.
Axel Wir haben jetzt einen ziemlich guten Einblick in ihr Leben in Berlin bekommen, haben jetzt auch hier ihr Arbeitszimmer aus Berlin gesehen. Welchen Bezug hatte sie denn zu Leipzig oder Leipzig zu ihr?
Juliane Baumgart-Streibert Ja, Fanny Hensel hat natürlich ihren Bruder hier besucht. Dann gehen wir doch mal kurz ins Herbstzimmer.
Aileen Hier liegen ein paar Löffel?
Juliane Baumgart-Streibert Ja, ja, das sind, das sind Löffel, die aus dem Besitz von Fanny Hensel stammen. Und das ist eigentlich auch eine sehr witzige Geschichte, denn Fanny Hensel, ich sagte es ja gerade, hat Mendelssohn in Leipzig besucht. Hier haben wir einen Stadtplan von Leipzig, und da sind die drei Wohnungen Mendelssohns eingezeichnet und natürlich war Fanny Hensel in allen drei Wohnungen und hier eben auch im Anfang des Jahres 1846. Und dann schreibt sie von hier einen Brief, und den haben wir hier auch ausgestellt. “Leipzig, den 4. Januar 1846.” Und da schreibt sie an ihren Mann: “Mein geliebter Mann, glücklich sind wir gestern hier angelangt. Den Zweck meiner Reise hoffe ich aufs Beste erreicht zu haben. Felix hat den neuen Flügel heut herholen und in seinem Saal neben den seinigen setzen lassen. Er gefällt mir sehr. Ich bin sehr vergnügt und hoffe, dass dies neue Instrument guten Einfluss auf mein Spiel haben wird. Lebe wohl, bester Mann. Die Suppe steht auf dem Tisch und ich bin sehr hungrig. Und dass wir dazu jetzt die Löffel zeigen können, ist natürlich eine schöne Kombination.
Aileen Also sie war da in Leipzig, als sie das geschrieben hat. Und es geht um einen Flügel.
Aileen Wir waren ja jetzt unten. Da sind wir gestartet, unsere kleine Tour in der Mendelssohn Bartholdy-Etage. Da stand ja ein Flügel in diesem Konzertsaal. War das dort? Ist das der Flügel? Wahrscheinlich nicht?
Juliane Baumgart-Streibert Nein, es ist nicht der Flügel. Aber es war Mendelssohns Instrument, was natürlich ein sehr, sehr gutes Instrument war. Sie wollte eben gern einen neuen Flügel haben und Mendelssohn sollte ihr bei Breitkopf und Härtel einen aussuchen. Mendelssohn hatte dann auch einen geeigneten gefunden, hat aber natürlich seiner Schwester gesagt, also sie möchte dann auch doch bitte nach Leipzig kommen und ihn selbst ausprobieren. Ja und dann hat dann Breitkopf und Härtel, wie gehört schon, hat dann diesen Flügel in das Zimmer stellen lassen und dann konnten sie sozusagen diesen, diesen Flügel, beide Flügel ausprobieren und vergleichen und den ganzen Tag sich mit diesem Flügel beschäftigen. Das muss man sich auch vorstellen, was wirklich Mendelssohn für einen Stand in Leipzig hatte, dass Breitkopf und Härtel bereit war, einfach mal einen Flügel in seinen Salon zu stellen, damit die Schwester ihn dort ausprobieren konnte.
Aileen Also auf jeden Fall ein tolles Privileg, was sie da nutzen konnte.
Juliane Baumgart-Streibert Ja, ja und bei einer solchen, bei dieser Gelegenheit hat Mendelssohn auch an Clara Schumann geschrieben, ob sie nicht Lust hätte, dazu zu kommen. Seine Schwester wäre auch gerade da.
Axel Jetzt gibt hier im Herbstraum eine Wand mit ganz vielen augenscheinlichen Briefen. Was können Sie uns denn darüber erzählen?
Juliane Baumgart-Streibert Ja, das Herbstzimmer. Bei Herbst, da kann man ja fallende Blätter, die vom Wind in den Himmel getragen werden, assoziieren. Hier haben wir gesagt, wir möchten eigentlich gern auch O-Töne haben. Und O-Töne sind in dem Fall natürlich Äußerungen, die schriftlich niedergelegt wurden. Und Fanny Hensel hat zum Beispiel Tagebuch geführt. Die Familie hat unheimlich viele Briefe geschrieben und natürlich auch durch die Entfernungen bedingt, hat man sich immer gegenseitig auf dem Laufenden gehalten. Und wir haben hier diese Briefwand “Fannys Kosmos” genannt, und haben versucht, so alle möglichen Bereiche ihres Lebens einzufangen. Und da könnte man ja zum Beispiel einen, ja einen wichtigen Brief herausgreifen, den Abraham Mendelssohn Bartholdy an seine Tochter schreibt. Am 16. Juli 1820. Also sie sind, beide haben gerade auch angefangen, Kompositionsunterricht bei Karl Friedrich Zelter zu nehmen, und da schreibt er: “Die Musik wird für ihn vielleicht Beruf, während sie für dich stets nur Zierde, immer Bildungsmittel, Grundbass des Seins und Tuns werden kann und soll. Ihm ist daher Ehrgeiz, Begierde, sich geltend zu machen in einer Angelegenheit, die ihm sehr wichtig vorkommt, weil er sich dazu berufen fühlt, eher nachzusehen, während es dich vielleicht nicht weniger ehrt, dass du von jeher dich in diesen Fällen gutmütig und vernünftig bezeugt und durch deine Freude an dem Beifall, den er sich erworben, bewiesen hast, dass du ihn dir an deiner Stelle auch würdest verdienen können. Beharre in dieser Gesinnung und in diesem Betragen. Sie sind weiblich, und nur das Weibliche ziert und belohnt die Frauen.”
Axel Das fasst den Zwiespalt, so die Hin- und hergerissenheit, glaube ich, ganz gut zusammen.
Juliane Baumgart-Streibert Richtig, richtig, dass sie diese Kröte, die sie da schlucken musste, dass sie, dass die ihr ganz schön im Halse stecken geblieben ist, zeigt ein Brief, den sie neun Jahre später schreibt. “Dass man übrigens seine elende Weibsnatur jeden Tag auf jedem Schritt seines Lebens von den Herren der Schöpfung vorgerückt bekommt, ist ein Punkt, der einen in Wut und somit um die Weiblichkeit bringen könnte, wenn nicht dadurch das Übel ärger würde.”
Juliane Baumgart-Streibert Man kann hier in diesem Zimmer natürlich sehr, sehr viel von ihr entdecken und man kann sie eben auch auf eine andere Weise kennenlernen, als wenn man nur Texte über sie liest, als wenn man auch mal etwas von ihr liest.
Aileen Frau Streibert, vielen lieben Dank, dass Sie uns hier Fanny Hensel so plastisch gemacht haben, dass man so viel über sie erfahren kann.
Aileen Ich meine, es gibt noch viel mehr auf jeden Fall auf dieser Etage zu entdecken. Aber vielen Dank, dass wir schon mal so viele Einblicke bekommen durften.
Juliane Baumgart-Streibert Es war mir ein Vergnügen.
Axel Vielen Dank.
Axel Das war unser Tag hier im Mendelssohnhaus. Endet im wunderschönen Garten. Ich habe auch ein kleines Déjà-vu, denn ich war ja schon mal hier. Und trotzdem, mit dem neuen Fokus war das, ja, noch mal ein ganz neuer Einblick für mich. Fand ich richtig toll.
Aileen Richtig, richtig schön Axel. Und wenn ihr das Thema “Frauen in der Musik” auch so spannend findet, wie wir das finden, dann lohnt es sich auf jeden Fall, auch im Musikinstrumentenmuseum der Universität Leipzig im Grassi Museum vorbeizuschauen. Dort findet ihr teilweise echt ausgefallene historische Instrumente von weiblichen Musikschaffenden. Und da gibt es passend zum Thema eine Führung über Geschichten musikschaffender Frauen, die man für Gruppen buchen kann.
Aileen Und dabei geht es zum Beispiel um spannende Fragen wie, welche Instrumente in der Musikgeschichte von Frauen gespielt werden durften und welche nicht und warum es überhaupt solche Regelungen gab.
Axel Dort werden auch noch viele weitere musikschaffende Frauen vorgestellt, die wir hier im Podcast natürlich gar nicht alle besprechen können.
Aileen Genau. Und Musizieren ist natürlich untrennbar mit der Produktion von Instrumenten verbunden. Deswegen geht es in der Führung auch um Instrumentenbauerinnen. Also ein wirklich umfangreiches Angebot. Da lohnt sich ein Besuch definitiv.
Axel Vielleicht habt ihr auch unsere ältere Folge zu Johann Sebastian Bach gehört. Da sprechen wir kurz über die ebenfalls sehr musikalische Ehefrau Anna Magdalena Bach, die ihre eigene Karriere für den großen Komponisten und die Familie zurückgestellt hat. Wenn man sich also auf die Spuren begibt, die weibliche Musikerinnen in Leipzig hinterlassen haben, dann lohnt es sich auf jeden Fall, dem Bach-Museum mal einen Besuch abzustatten.
Aileen Und wenn euch gefällt, was ihr hier gerade hört, dann lasst uns doch gerne eine Bewertung da und hört euch auch durch unsere bisherigen Ausgaben von “Willkommen in Leipzig - Der Podcast für deine Leipzig-Reise”. Da findet ihr auch viele Folgen zum Thema “Musikstadt Leipzig”, die wir euch natürlich auch noch mal wie immer in den Shownotes verlinken.
Axel In der nächsten Folge gibt es ein ziemliches Kontrastprogramm. Ich kann so viel verraten, es wird ziemlich actionreich.
Aileen Ich bin auf jeden Fall gespannt und glaube, dass das ziemlich lustig wird.
Axel Ich bin auch gespannt auf die nächste Folge und hoffe, ihr genauso. Also am besten den Podcast abonnieren, um keine Folge zu verpassen.
Aileen Macht’s gut und bis zum nächsten Mal. Ciao.
Axel Tschüss.
Intro Willkommen in Leipzig - Der Podcast für deine Leipzig-Reise.