In dieser Folge von „Willkommen in Leipzig“ dreht sich alles um Clara Schumann – ein musikalische Ausnahmetalent und eine der wichtigsten Frauen in der Musikgeschichte. Im Schumann-Haus Leipzig tauchen Axel und Aileen tief in Claras Leben ein: Gregor Nowak, Geschäftsführer des Schumann-Hauses, erzählt ihnen von ihrem außergewöhnlichen Talent, ihrer unkonventionelle Ehe und nicht zuletzt ihrer Rolle als Frau und Musikerin. Wie verlief ihr Karriereweg? Welchen Herausforderungen stand sie als Frau in der Musik gegenüber? Und wie ist Gleichberechtigung in der Kunst heute möglich? Das Schuhmann-Haus gibt Einblicke – und das auch digital. Mehr dazu hört ihr in dieser Folge.
Links:
Schumann-Haus Leipzig
CON SPIRITO Das Leipziger Kammermusikfestival
Leipziger Notenspuren App
Mendelssohn-Haus Leipzig
Erwin Staches Musikobjekte
Podcast-Folge 36 – Blüthner und Vogt: Weltberühmte Instrumente aus Leipzig
Diese Maßnahme wird mitfinanziert durch Steuermittel auf der Grundlage des von den Abgeordneten des Sächsischen Landtags beschlossenen Haushalts.
Leipzig ist eine Stadt mit unzähligen Facetten: Musik und Kultur, Natur, Wasser und Freizeit, junge Kreativszene, versteckte Geheimtipps und beliebte Szenemeilen. Im Podcast „Willkommen in Leipzig“ kannst du hören, was es in unserer Stadt alles zu sehen gibt. Unsere beiden Moderatoren Aileen & Axel nehmen dich mit auf eine Reise in diese wundervolle Stadt.
Axel: Hi. Schön, dass ihr zu uns gefunden habt. Das hier ist “Willkommen in Leipzig - Der Podcast für deine Leipzig-Reise”. Ich bin Axel und ich bin heute wieder in Leipzig unterwegs, zusammen mit Aileen. Grüß dich!
Aileen: Hi Axel und natürlich auch willkommen zurück, ihr Lieben, von mir. Wir nehmen euch heute mit und erkunden Leipzig als Musikstadt. Da schon mal ‘n kleiner Tipp: Wir haben der Musikstadt Leipzig schon eine ganze Staffel gewidmet, also hört euch da unbedingt mal durch diese ganzen Spezialfolgen durch.
Axel: Ja, und an diesem Spirit knüpfen wir heute noch mal an, in dieser und in der nächsten Folge wird es noch mal musikalisch. Unser Fokus liegt diesmal auf Frauen in der Musik.
Aileen: Genau. Die sind nämlich natürlich nicht zu unterschätzen. Gerade hier in Leipzig. Da gibt es nämlich zum Beispiel Clara Schumann, auf deren Spuren wir uns nämlich heute begeben. Sie galt als musikalisches Wunderkind.
Axel: Richtig. Clara Schumann trug in ihrer frühen Karriere maßgeblich zur Musikszene Leipzigs bei, wo sie als gefeierte Pianistin und später enge Mitarbeiterin ihres Ehemanns Robert Schumann wirkte.
Aileen: Mehr erfahren wir aber gleich im Schumannhaus Leipzig. Dort sind wir mit dem Geschäftsführer Gregor Nowak verabredet, der uns ein wenig durchs Haus führt und uns mehr über Clara Schumanns Lebenswerk erzählen wird.
Axel: Ja, ich bin auf jeden Fall gespannt. Das Schumannhaus ist ziemlich zentral gelegen in der Inselstraße, ist übrigens auch ziemlich gut ausgeschildert.
Aileen: Ab dem Grassi Museum.
Axel: Jawoll, ich habe es ohne Google Maps gefunden. Und ja, hier ganz in der Nähe könnt ihr halten mit den Straßenbahnlinien 4, 7, 12, Haltestelle Johannisplatz und von da aus sind es nur noch ein paar Minuten Fußweg.
Aileen: Dann würde ich sagen: Auf geht’s und wir hören uns gleich dort wieder.
Axel: Bis gleich.
Intro: Willkommen in Leipzig - Der Podcast für deine Leipzig-Reise.
Axel: Herr Nowak, herzlichen Dank für die Einladung. Ich bin Axel. Das meine Kollegin Aileen.
Aileen: Hallo. Schön, dass wir da sein dürfen.
Gregor Nowak: Schön, dass Sie da sind.
Axel: Ja, Clara Schumann ist 1819 in Leipzig geboren. Das ist aber bei weitem nicht der einzige Leipzigbezug, den sie hat, oder?
Gregor Nowak: Na ja, wir stehen ja hier im Schumannhaus. Hier hat sie mit Robert Schumann die ersten vier Ehejahre verbracht. Sie hat mit neun Jahren im Gewandhaus das erste Mal gespielt. Insgesamt ist sie Leipzig immer treu geblieben.
Gregor Nowak: Ja, sie ist sozusagen wie Richard Wagner, das Kind, das musikalische Kind Leipzigs. Und, wie gesagt, 73 Mal allein im alten Gewandhaus gespielt, dann noch mehrfach im neuen Gewandhaus, was dann ja dann die Stätte an der Albertina bekommen hat. Also es ist die Pianistin der Zeit gewesen. Beethoven-Interpretin. Hat den Kanon hier geprägt wie keine andere. Und insofern können wir in Leipzig stolz sein, dass wir so eine Künstlerin hier beherbergen dürfen.
Aileen: Also sie ist auf jeden Fall ein außergewöhnliches Talent gewesen, auch für die Zeit, aber auch insgesamt. Wissen Sie, woher das, woher genau das kommt? Also lag das in ihrer Familie? Wurde sie da bestimmt gefördert in der frühen Zeit, oder wie? Woher kommt das?
Gregor Nowak: Na, die Mutter war Musikerin, Sängerin und Pianistin. Tromlitz, Mariane Tromlitz. Hat dann geheiratet, nämlich ihren Lehrer Friedrich Wieck. Und Friedrich Wieck selbst war eigentlich Autodidakt, der war, man kann sagen, hat Theologie studiert und dann aber sich als Hauslehrer einen Namen gemacht und hat auch sehr fortschrittliche Methoden angewandt. Er hat sie ja hier ausgebildet, hat sie zum Star gemacht, hat sie allumfassend eben auch unterrichtet.
Gregor Nowak: Also, es ist eben nicht das Wunderkind, was, sagen wir mal, noch 20 Jahre lang auf der Bühne ist und dann quasi die Karriere beendet, sondern sie hat ja über 60 Jahre auf den Bühnen Europas gestanden und das kann man nur, wenn man so allumfassend ausgebildet ist. Ja, also in Komposition. Pianistinnen, Pianisten mussten auch selbst komponieren und ihre eigenen Stücke spielen.
Gregor Nowak: Das war damals Usus. Harmonielehre. Sie wurde in Konversationen angelernt, Französisch, Englisch, sie musste stundenlang Korrespondenzen abschreiben, damit sie auch sozusagen das Handwerk ihrer eigenen Managerin lernte. Ja, das war Wieck. Und außerdem musste sie jeden Tag zwei Stunden spazierengehen, also um die Füße eben zu trainieren. Also wirklich allumfassende Ausbildung. Und das hat sie dazu befähigt, so lange quasi auf den Bühnen Europas stehen zu können.
Axel: Ja, Claras Mann, dessen Namen sie dann später übernommen hat, der war ja auch bekannter Musiker. Wie kann man sich das vorstellen zu der Zeit? Ist das so, dass sich die Karrieren ergänzen oder dass sie sich vielleicht sogar ein Stück weit im Weg gestanden haben?
Gregor Nowak: Sie haben jetzt Robert Schumann als “auch bekannt”, also ich, ich würde sagen, er ist der deutsche Romantiker geworden.
Gregor Nowak: Durch, auch durch Clara. Man sagt ja so ein bisschen, sein Werk ist auch ihr Werk. Ohne Clara, ohne die Pianistin, die seine Werke aufgeführt hat, die ihn bekannt gemacht hat als Star in Europa, wäre er nicht dieser Komponist geworden und umgekehrt eben auch nicht. Also natürlich, die Gesellschaft war so, dass der Mann ja eigentlich den Lebensunterhalt verdienen sollte.
Gregor Nowak: Also im Eherecht stand 1828, die Frau muss den Mann erst schadlos halten, damit sie dann ihre Karriere bauen darf. Und Robert war eigentlich einer, der eine Frau gesucht hat, die auf eigenen Füßen stand, weil er dem Hoffmannschen Ideal quasi ja anheim gefallen war, Kunst ohne finanzielle Zwänge ausführen zu können. Und deswegen braucht man natürlich jemanden, der auf eigenen Füßen steht.
Gregor Nowak: Und trotzdem war die Gesellschaft natürlich immer im Hintergrund und hat gesagt: “Robert, du musst selber verdienen, du musst die Familie ernähren” und diesen Zwiespalt haben sie ja versucht, hier im Schumannhaus, in ihrer ersten Wohnung, in ihrer gemeinsamen Wohnung aufzulösen, indem sie versucht haben, eine Ehe auf Augenhöhe zu führen. Das hat nicht immer funktioniert. Robert fühlte sich gestört vom Klavierspielen.
Gregor Nowak: Deswegen musste sie die ersten, das erste Jahr durfte sie ja nicht Klavier spielen.
Aileen: Wirklich?
Gregor Nowak: Ja, und, und sie hat sich bitterlich beschwert, im Ehetagebuch, was die beiden ja vier Jahre hier geführt haben, dass das nicht so geht. Weil Musik ist ihre, ja ihre Essenz gewesen. Ihre, ja, ihr Lebenselixier. Ja. Und sie hat sich dann auch letztlich auch durchgesetzt.
Gregor Nowak: Und natürlich auch Robert - man sieht das ja am Rietschel-Relief ganz wunderbar. Rietschel wollte eigentlich Clara Schumann in den Vordergrund stellen. Das war ja damals ein Werbemittel. Und da gibt es, das ist eines der Originale von Rietschel. Es gibt also mehrere Originale, weil man das dann auch in kleineren Bereichen dann verschenkt hat, um eben aufmerksam auf sich zu machen.
Aileen: Wie eine Visitenkarte.
Gregor Nowak: Quasi wie eine Visitenkarte. Rietschel wollte eigentlich die viel bedeutendere, damals viel bedeutendere Clara Schumann in den Vordergrund rücken und Robert hat sich vehement gewehrt und hat gesagt: “Der schaffende Künstler steht vor dem reproduzierenden”. Also, der Komponist, der die Werke schreibt, der ist quasi derjenige, der im Vordergrund steht, und der Ausführende soll nur das wiedergeben, was der Komponist wollte.
Gregor Nowak: Wir im Museum zeigen tatsächlich diese Ambivalenz hier. Und immer auch beide Perspektiven, sodass Sie auch dieses Rietschel-Relief als Kopie sehen, wo sie im Vordergrund stehen wird.
Aileen: Klingt auf jeden Fall nach einer spannenden Ehe. Wenn man jetzt Clara Schumann, sich über sie so ein bisschen beliest, dann fällt auch immer wieder ein anderer Name. Und zwar Fanny Hensel, was ja eine gute Freundin von ihr war. Vielleicht auch ganz gut, wenn die Ehe ambivalent aufgestellt war. Was können Sie dazu sagen? Wie hat diese Freundschaft vielleicht auch Ihr musikalisches Schaffen geprägt?
Gregor Nowak: Also so richtig kennengelernt haben sie sich ja erst 1847, Clara Schumann und Fanny Hensel. Und zwar, das war im Februar/März 1847, wo Robert Schumann eine Aufführung von “Paradies und die Peri” in Berlin hatten, hatte und dafür wurde die, ist dieses Paar nach Berlin gefahren für zwei Monate. Und dort hat Clara Schumann auch in den berühmten Sonntagsmusiken gespielt.
Gregor Nowak: Ich glaube, ein Konzert in der Soiree war es bei Fanny Hensel, und dort haben sie sich wirklich erst kennengelernt und wirklich schätzen gelernt. Also beide haben in ihren Briefen geschrieben, dass sie sie wirklich sehr, sehr schätzen. Und gerade auch Clara hat geschätzt, dass man mit Fanny Hensel so interessant sprechen konnte. Also sie waren auch musikalisch auf einer Wellenlänge und das Paar hat tatsächlich überlegt, nach Berlin zu ziehen.
Gregor Nowak: Und wenn sie dann in Berlin sind, dann können sie sich doch öfter sehen. Ja, und das ist leider nichts geworden, weil kurz danach ja Fanny Hensel gestorben ist. Also, was Sie vorhin sagten, ob diese Beziehung die Karriere in irgendeiner Form gefördert hat, das kann man so nicht sagen. Das ist, es ist einfach so, dass man sich in diesen Kreisen bewegt hat.
Gregor Nowak: In den bekannten Kreisen, den Kulturphilosophie- etc. Kreisen, literarischen Kreisen und natürlich hat man dann auch Kontakte gepflegt, interessante Gespräche geführt und vielleicht sich auch vermittelt. Aber Clara Schumann war zu diesem Zeitpunkt schon wirklich ein Star. Aber die Karriere in dieser Form kann man jetzt so nicht sagen, dass das förderlich oder oder besonders förderlich gewesen wäre.
Aileen: Muss es ja auch gar nicht. Freundschaft darf ja auch einfach nur eine Freundschaft sein.
Axel: Ja, nachdem wir jetzt so ein bisschen in die Biografie eingestiegen sind, würd mich mal interessieren, was gibt es denn zu dem Schumannhaus zu erzählen? Wie hat sich das im Laufe der Zeit entwickelt und wie kann man die Biografie Clara Schumanns heute hier erleben?
Gregor Nowak: Na, das Schumannhaus war immer Wohnort, auch in der DDR war, war das ein ganz normales Wohnhaus, natürlich mit der Zeit verfallen.
Gregor Nowak: Und der kulturhistorische Aspekt war in den Hintergrund gerückt. Ja, also, in der DDR gab es ein Schumannhaus, das ist in Zwickau und für mehr hat es dann auch nicht gereicht. Und Clara Schumann ist ja letztlich auch ein Stück weit in Vergessenheit geraten. Man sagt ja immer: Wer schreibt, der bleibt. Und Robert ist natürlich der Komponist geworden, bekannt für seine Lieder, für seine hervorragenden Sinfonien, Streichquartette.
Gregor Nowak: Also es ist ein Stück weit in Vergessenheit geraten und der Schumann-Verein hat sich 1995 gegründet, um dieses Erbe wieder zu retten. Und jetzt ging es darum, hier tatsächlich einen Investor zu finden. Das Pendel schlug so ein bisschen aus zwischen Arztpraxis und Altersheim, und das wäre natürlich für dieses kulturhistorische Andenken dieses Hauses fatal gewesen. Und es war ein wirklicher Glücksfall, dass Gotthard Dietrich, der damals die Rahn Dietrich Group geleitet oder gegründet hatte, auf dieses Haus aufmerksam geworden ist und dieses Haus quasi gekauft hat und 2001 die Freie Grundschule Clara Schumann, die auch noch den Namen trägt, ja, hier Einzug gehalten hat.
Gregor Nowak: Ja, und mit diesem Einzug gab es dann hier eine kleine Kabinettausstellung vom Schumann-Verein über damals noch im Prinzip nur Robert Schumann. Und das ist natürlich eine spannende Konstellation. Ein Museum in einer Schule oder eine Schule in einem Museum. Das gibt, gibt es weltweit nicht noch mal, ja. Und daraus ergeben sich natürlich auch ungeahnte Möglichkeiten der Zusammenarbeit. Und das, das spürt man hier an jeder Ecke.
Gregor Nowak: Ja, es ist also eine Schule mit musikalisch-künstlerischem Konzept, das ähnliche Ideen verfolgt wie Clara Schumanns Werdegang, also die Persönlichkeit soll gestärkt werden durch die Musik, durch die Kunst. Es sollen hier keine gedrillten Virtuosen ausgebildet werden, sondern sie sollen hier wirklich durch die Kunst ihre Persönlichkeit stärken. Und das hat natürlich auch Auswirkungen auf die Art und Weise, wie wir hier Museum entdecken und, und verwirklichen.
Gregor Nowak: Und wir hatten natürlich das Glück, dass 2019 der 200. Geburtstag von Clara Schumann anstand. Und wir haben hier mit einem riesen Leipziger Fest, also Clara 19, wirklich diese Person, diese wahnsinnige Künstlerin, diesen Menschen hier wieder in den Vordergrund gerückt. Und der Nukleus war hier die neue Ausstellung zu Clara und Robert Schumann. Also wir haben hier eine interaktive Ausstellung, das beide Perspektiven zeigt, dass die Lebensgeschichte dieser beiden, die den Versuch, eine Ehe auf Augenhöhe zu führen, hier exemplarisch zeigt.
Gregor Nowak: Und dieses Konzept ist voll aufgegangen. Ja, also es ist wirklich ein Paar-Museum. Vielleicht das einzige Paar-, also Musiker-Paar-Museum, das es gibt in dieser Konsequenz. Denn die Professorin Beatrix Borchard war hier die Kuratorin und sie war auch Gender-Forscherin, hat auch zu Mendelssohn, zu Fanny Hensel, eben auch zu Clara Schumann geforscht und hat hier wirklich eine fantastische Ausstellung hinbekommen, wo wir eben auch nicht werten, wo wir die ganzen Perspektiven von Clara und Robert Schumann quasi 1:1 gegenüberstellen, sodass der Gast sich selbst ein Urteil bilden kann.
Gregor Nowak: Und das haben wir natürlich erweitert, digital erweitert zum Beispiel mit unserer AR-App “Gleichberechtigung in der Kunst”, wo wir die Perspektive von Clara und Robert Schumann zu dieser Zeit “Was heißt Gleichberechtigung in der Kunst” damals gegenübergestellt haben mit den heute lebenden Künstlerinnen und Künstlern, also Lauma Skride, Carolin Widmann, Peter Bruns, das Künstlerpaar buchstabenschubser, die auch so fantastische Filme hier gemacht haben.
Gregor Nowak: Wie gehen sie heute mit dieser Problematik um? Kinder, Karriere? Wie kriegt man das unter einen Hut? Wer steckt zurück? Das ist heute genau so wie damals. Ein bisschen moderner vielleicht, aber die Problematik ist quasi dieselbe im Künstlerdasein. Und dann haben wir mit der Notenspur die Notenspuren-App. Ja, also es gibt einen CLARO Walk durch die Innenstadt, wo man an den Orten von Clara und Robert Schumann sich Interessantes abholen kann, Musik hören kann, dann zum Schumannhaus kommen kann, um hier diese heiligen Hallen hier zu sehen.
Gregor Nowak: Und natürlich stehen wir hier auch im Saal, wo circa 40 Konzerte im Jahr stattfinden. Und unser Kammermusikfestival “Con spirito” ist auch so ein, ja, so eine Idee, die Musikstadt einzufangen in allen Konzertsälen hier in Leipzig. Das wird veranstaltet vom Schumann-Verein. Also es ist viel los und wir hoffen, dass wir eben diese, diese Persönlichkeiten Clara und Robert Schumann hier wirklich in ein, in ein menschliches Licht rücken können.
Gregor Nowak: Es geht uns nicht darum, um Götter, Verehrung etc., sondern es geht hier wirklich um das Menschdasein, um die Persönlichkeiten. Wie haben die versucht, ihre Interessen gegenseitig umzusetzen. Und welche Lösungswege haben sie versucht zu gehen? Was ist gescheitert, was ist geblieben? Und das kann man hier sehr schön exemplarisch mit sehr, sehr viel Musik mit sehr vielen Features abholen.
Aileen: Dann würde ich doch das sagen, vielleicht, damit wir es für unsere Hörer:innen auch noch mal ein bisschen hörbar machen, den interaktiven Aspekt einmal ausprobieren und uns was aus dem Museum-
Gregor Nowak: Ja klar.
Aileen: -anschauen.
Gregor Nowak: Ja klar.
Gregor Nowak: Unser besonderes Highlight ist hier die Kopplung zwischen dem originalen Gipsabdruck von Clara Schumanns Hand mit einer Klanginstallation von Erwin Stache, wo quasi der Gast hier improvisieren kann. Aber eben auch, wenn er geschickt genug ist, Werke von Clara hören kann.
Gregor Nowak: Das ist “Caprice a la Bolero” aus den “Vier Charakterstücken” von Clara Schumann, Opus 5.
Gregor Nowak: Sie sagt ja von sich immer, dass ihre Musik oder ihre Kompositionen zu weibisch sind und ist natürlich genau diesem Zeitgeist damals eben auch verfallen. Dass alle Welt gesagt hat, Frauen können nicht komponieren. Das ist das komplette Gegenteil davon. Und es gibt hier ein Werk, was besonders hier im Fokus steht, nämlich der “Liebesfrühling”. Das sind zwölf Gedichte von Friedrich Rückert, vertont von den beiden, von Robert neun, von Clara drei.
Gregor Nowak: Und Sie haben dem Verleger Härtel nicht gesagt, welches Werk von wem ist. Also sie wollten und, und das war auch ein Aspekt von, von Robert Schumann, sie wollten als Einheit in die Geschichte, in die Musikgeschichte eingehen.
Aileen: Schöner Gedanke.
Gregor Nowak: Ja, finde ich auch.
Aileen: Noch mal kurz für unsere Hörer:innen, weil man das natürlich nicht so mitbekommt. Herr Nowak hat jetzt hier gerade über eine, ja, Holzhand gestrichen. Tatsächlich mit den Fingern und dadurch sind die Töne entstanden. Und damit wäre das noch mal verstehen. Ganz, ganz beeindruckend. Warum hat sie denn überhaupt einen Gipsabdruck von ihrer Hand machen lassen?
Gregor Nowak: Ja, das hat man früher so gemacht. Man hat früher auch Locken in diverse Brillantringe gelegt etc. Das sind so Devotionalien, Man muss es nicht mögen.
Aileen: Aber warum frage ich - heute fotografieren wir unser Essen.
Gregor Nowak: Ja, genau. Wir fotografieren unser Essen oder wie wir durch einen Wasserfall durchlaufen und danach eben nicht mehr so gut aussehen. Also das ist ein typisches Ding aus der Zeit.
Axel: Also ich bin ja wirklich baff, jetzt wo Sie das sagen: Sie hat ja wirklich eine riesige Hand gehabt, man sieht das auch auf den, auf den Bildern, dass das jetzt nicht wirklich einfach nur eine größer skalierte Skulptur ist.
Gregor Nowak: Nein, nein und sie konnte, also für alle Fachleute hier, Duodezimen auf dem Klavier ergreifen. Also es ist eine ziemlich große Handspanne. Man hat das damals auch durch einen so genannten Chiroplasten hinbekommen. Es gibt hier ein modernes Modell aus Amerika, da werden die Hände gespreizt. Also man, man benutzt das, um die Hände zu spreizen und quasi diese, diese die Möglichkeit, größere Akkorde zu greifen, so zu stärken.
Gregor Nowak: Und das hat man damals auch gemacht. Und man hört auch im berühmten einzigen Klavierkonzert von Clara Schumann, dass sie in der Lage war, eben großgriffig auch zu komponieren, weil sie es eben auch spielen konnte.
Axel: Hier steht auch noch ein altertümliches Instrument. Ist das wirklich auch ein Original?
Gregor Nowak: Ja, das ist ein Tafelklavier von Friedrich Wieck. Das heißt, Friedrich Wieck hatte ja hier in der Grimmaischen Straße ein Klavierkontor und eine Musikalienhandlung.
Gregor Nowak: Und das war natürlich auch so eine Erfolgsstrategie, auch Clara Schumann als den Star publik zu machen, um dann auch seine Klaviere über diese Idee zu verkaufen. Ja, und deswegen war das eben auch so eine schwierige Geschichte mit dem, mit der Ehe von Clara und Robert Schumann. 1835 gab es den ersten Kuss, dann haben sie quasi ihre Liebe entdeckt und Friedrich Wieck war komplett dagegen, weil er wusste, zum einen mit der Heirat waren die Karrieren der Frauen meistens zu Ende.
Gregor Nowak: In der bürgerlichen Kultur war es so, dass die einzige Pflichtaufgabe einer Frau es war, Kinder zu bekommen. Clara Schumann hat das auch reichlich gemacht. Mit acht Kindern. Aber meistens war die Karriere vorbei. Das wusste der Wieck zum einen. Zum anderen gingen alle Rechte nach der Heirat an den Mann über und insofern war er strikt gegen diese Heirat mit Robert Schumann, hat alles versucht, bis hin zu Verleumdungen und Clara und Robert mussten letztlich auch klagen und haben dann kurz vor ihrem 21. Geburtstag auch Recht bekommen beim Appellationsgericht und durften dann heiraten.
Gregor Nowak: Also es gab ein großes Zerwürfnis zwischen Clara und ihrem Vater. Das Verhältnis hat sich dann wieder gebessert, aber es ist nie wieder so geworden wie am Anfang.
Axel: So, wir haben auf der anderen Seite des großen Saals auch noch mal einen Raum gehabt. Wollen wir den auch uns noch mal kurz angeschaut?
Gregor Nowak: Das ist unser sogenannter Reiseraum. Clara Schumann sagt ja von sich: “Jeder fragt, ob ich nicht reise.
Gregor Nowak: Ich komme ganz in Vergessenheit.” Und das waren zwei Lösungswege, die die versucht haben, quasi die unterschiedlichen Interessen miteinander zu verbinden. Die zwei Reisen, die in der Zeit der Schumanns hier in der Inselstraße stattgefunden haben, die Reise nach Kopenhagen, wo Robert von Hamburg-Harburg wieder zurückfährt, um hier komponieren zu wollen und beim Kind zu sein, aber keine Note aufs Papier bringt, weil er quasi ohne Clara Schumann nicht existieren kann.
Gregor Nowak: Also “Trübsinnige Zeit, an Komponieren nicht zu denken, das war einer der dümmsten Streiche meines Lebens, dich von mir gelassen zu haben, der gewiss nicht wieder passieren soll.” Sie feiert in Kopenhagen Erfolge und er kriegt hier keine Note aufs Papier. Also diese Variante, dass sie alleine reist, funktioniert schon mal nicht. Die zweite, die große Reise nach Sankt Petersburg und Moskau 1844
Gregor Nowak: ja, da ist es so, dass er auch in die Gesellschaft eingeführt wird, auch seine Stücke gespielt werden, sie aber zum Zaren eingeladen wird und er nicht, und er gefragt wird, das ist eine Anekdote, ob er auch musikalisch wäre. Das heißt, auch diese Variante hat nicht funktioniert. Kränkungen, die kaum zu ertragen, Claras Benehmen dabei, und Clara Schumann wusste nicht, was geschehen ist.
Gregor Nowak: Also das hat auch nicht funktioniert. Und man muss auch sagen, dass solche Reisen eben auch dazu da waren, dass Geld in die Kasse gespült wurde. Im Haushaltsbuch steht ja von Robert: “Wir geben mehr aus, als was wir verdienen.” Und daraufhin sagt Clara: “Lass mich doch auch Teil davon sein. Ich kann mit meiner Kunst, kann ich Geld verdienen.” Und in dieser Dresdner Zeit, die ja danach folgte, ist sie nicht mehr auf Reisen gefahren und das hat sie unglaublich fertig gemacht.
Gregor Nowak: Also das war ihr Lebenselixier, zu reisen, konzertieren. Peppers Ghost, ein sogenannter Peppers Ghost.
Aileen: Oh, wow.
Gregor Nowak: Wo der Gast hier Clara Schumann nicht, natürlich nicht leibhaftig, aber sozusagen in Projektion hören kann, wie sie das “Frühlingslied” von Felix Mendelssohn Bartholdy spielt. Und wir haben daraus eine kleine Szene gemacht, die ist hier im Schumannhaus gedreht worden. Peppers Ghost funktioniert sozusagen, es ist eine zweidimensionale Projektion, und alles, was weiß ist, also was hell ist, bleibt übrig und alles, was schwarz ist, ist wegretuschiert.
Gregor Nowak: Das heißt, wir haben den gesamten Bereich vor der Neugestaltung dieses Museums in Schwarz gehüllt, haben auf diesem historischen Wieck-Flügel von Wilhelm Wieck, das ist ein Cousin von Clara Schumann, bei Blüthner gelernt, auf diesem Flügel hat eine Studentin dieses Frühlingslied eingespielt.
Axel: Apropos Anekdote: Sie haben eben ein Zauberwort gesagt, nämlich Blüthner. Für alle, die, die erst jetzt in den Podcast eingestiegen sind, unbedingt mal noch in unsere letzte Folge hören, denn da waren wir im Blüthner-Werk zu Gast.
Gregor Nowak: Das ist alles noch Museum.
Aileen: Ach, tatsächlich?
Gregor Nowak: Das ist tatsächlich unser Hörraum.
Aileen: Ja.
Gregor Nowak: Wo man Werke von Robert und Clara Schumann hören kann. Wir haben auch die Kritische Gesamtausgabe hier. Haben hier auch ‘nen Lebenswege-System. Das eine haben Sie ja schon gesehen, das war in der Kutscheneinfahrt, hier ist es bis 1896. Clara Schumann hat ja Robert um 40 Jahre überlebt. Es war ja die dritte Karriere, quasi. Das ist quasi symbolisch für die Zusammenarbeit mit der Schule.
Gregor Nowak: Ursprünglich waren das drei Räume von Clara und Robert Schumann: Kinderzimmer, Wohnzimmer und Schlafzimmer, und wir haben 2015 daraus einen Klangraum gemacht, wo die Schülerinnen und Schüler auch hier Unterricht haben, ganz normal. Und gleichzeitig haben wir hier eine wunderschöne Klanginstallation von Erwin Stache, das man quasi hier auf diesen Kreisen eine kleine Komposition sich erstellen kann aus den Haushaltsgegenständen und technischen Erfindungen der Zeit
Gregor Nowak: der Schumanns. Also, Morsegerät 1833, die Kohlebogenlampe. Die erste Elektrifizierung eines öffentlichen Platzes, der Place de la Concorde war 1843/44. Die Dampfpfeife aus der Dampfschifffahrt, also das Thema Eisenbahn, war ganz elementar wichtig. Dass Europa sozusagen zusammenrückt.
Gregor Nowak: Man hat natürlich auch Möglichkeiten, Strukturen zu erkennen durch eine Sinfonie von Robert, die “Rheinische Sinfonie”, die dann diese ganzen Objekte übernehmen, wenn man quasi auf diesen Kreisen entlang tanzt. Ja, und das Interessante ist wirklich die Zusammenarbeit mit der Schule. Ja, die brachte uns auf die Idee, nicht nur eine Spielerei zu entwickeln, sondern wirklich etwas, wo man elementar Musik machen kann und das gibt’s nicht so oft in der Musikerlandschaft in Deutschland.
Aileen: Auf jeden Fall reingehen, wenn ihr hier seid!
Gregor Nowak: Ja, also ganz spannend. Und der letzte Raum ist unser sogenannter Ehe-Experimentier-Raum. Wie gehen die beiden damit um? Kunst und Liebe? Ja, “Wir wollen als Einheit in die, in die Geschichte eingehen”. Und das Thema Kinder; “Kinder sind Segen, aber,” sagt Robert, “aber was wird aus mir, was wird aus meiner Karriere?” Also dieses gesellschaftsrelevante Thema und das an drei visualisierten Features, die man jetzt auswählen kann.
Axel: Wir sind jetzt noch mal in den großen Saal gegangen, weil es so langsam die Schulklassen die Klassenräume verlassen. Hier ist es etwas ruhiger. Sie haben während unserer Tour auch über Apps gesprochen und auch über Konzerte, die hier stattfinden. Wenn ich mich darüber informieren möchte, wo schaue ich da am besten hin?
Gregor Nowak: Auf unserer Website www.schumannhaus.de. Da finden Sie alles Wissenswerte.
Gregor Nowak: Wir haben eine Landingpage zu der Leipziger Notenspuren App. Wir haben im Google Play Store und im Apple Store die Leipziger Notenspuren App und wir haben momentan noch nur im Apple Store unsere kostenlose Schumannhaus App, wo die AR-App installiert ist “Gleichberechtigung in der Kunst”. Die kann man ja im Übrigen zu Hause auch kostenlos nutzen. Aber am besten natürlich an Ort und Stelle hier im Schumannhaus.
Aileen: Dann würde ich sagen: Vielen lieben Dank, Herr Nowak, vielen Dank, dass wir hier sein durften!
Gregor Nowak: Schönen Dank, dass Sie hier waren.
Axel: Dankeschön.
Aileen: Das war unser Einblick ins Schumannhaus in Leipzig. In unserer nächsten Folge, da widmen wir uns einer weiteren, sehr wichtigen Frau der Musikgeschichte, die wir auch in dieser Folge schon erwähnt haben.
Axel: Richtig. Fanny Hensel, die gute Freundin von Clara Schumann. Wir besuchen das Mendelssohnhaus, um mehr über sie und ihr Lebenswerk zu erfahren. Im Mendelssohnhaus waren wir übrigens auch schon mal in diesem Podcast gewesen und haben uns damals einen Gesamteindruck verschafft. Beim nächsten Mal wird es dann etwas spezifischer.
Aileen: Genau.
Axel: Ihr könntet euch also in Vorbereitung auf die nächste Folge schon mal diese vergangene Folge anhören. Und ja, ich würde sagen, wir fragen dann in der nächsten Runde die wichtigsten Fakten ab.
Aileen: Ganz sicher nicht, Axel.
Aileen: Ihr könnt euch natürlich auch gerne durch alle anderen Folgen von “Willkommen in Leipzig” hören. Wenn euch diese Folge hier gefallen hat, dann lasst uns gerne eine Bewertung da und schaut auch noch mal in die Shownotes und natürlich auf leipzig.travel. Da gibt es nämlich noch viel mehr Tipps für eure Leipzig-Reise und wir hören uns dann hoffentlich in der nächsten Folge wieder.
Aileen: Bis dahin macht’s gut.
Axel: Tschüss.
Outro: Willkommen in Leipzig - Der Podcast für deine Leipzig-Reise.