Wie viel Arbeit steckt eigentlich in der Herstellung eines Flügels? Welches Holz benötigt man dafür? Wie repariert man eine Beule an einer Trompete und kann man eigentlich neue Blechblasinstrumente erfinden? Axel und Aileen finden es für euch heraus! Zuerst führt sie ihre Suche zu Vogt instruments und ihrem Inhaber Matthias Vogt, der passioniert seinem Beruf als Instrumentenbauer nachgeht. Bei ihm werden aber nicht nur neue Musikinstrumente gebaut, sondern auch alte restauriert – und das so historisch akkurat wie möglich. Im zweiten Teil der Folge hören wir den „goldenen Ton“ eines Blüthner Flügels. Im Blüthnerwerk bei Leipzig werden die weltbekannten Flügel und Pianos vom Holzbrett bis zum letzten Schritt, dem Intonieren, gefertigt. Wie das klingt, erfahrt ihr in dieser Folge von „Willkommen in Leipzig“.
Vogt instruments
Blüthner Klaviersalon Leipzig
Musikstadt Leipzig
Musikinstrumentenmuseum Leipzig
Podcast-Folge 5 - Gewandhaus zu Leipzig: Wahre Freude ist eine ernste Sache
Diese Podcast-Folge wurde gefördert durch das Bundesprogramm „Zukunftsfähige Innenstädte und Zentren“ des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen und des Amts für Wirtschaftsförderung der Stadt Leipzig.
Leipzig ist eine Stadt mit unzähligen Facetten: Musik und Kultur, Natur, Wasser und Freizeit, junge Kreativszene, versteckte Geheimtipps und beliebte Szenemeilen. Im Podcast „Willkommen in Leipzig“ kannst du hören, was es in unserer Stadt alles zu sehen gibt. Unsere beiden Moderatoren Aileen & Axel nehmen dich mit auf eine Reise in diese wundervolle Stadt.
Aileen: Leipzig ist Musikstadt. Das liegt an einer einzigartigen Mischung aus Geschichte, Tradition und lebendiger Musikkultur, die diese Stadt seit Jahrhunderten prägt. Leipzig ist die Stadt der großen Komponisten. Johann Sebastian Bach zum Beispiel wirkte hier 27 Jahre als Thomaskantor und schuf einige seiner wichtigsten Werke. Felix Mendelssohn Bartholdy gründete das erste Konservatorium Deutschlands in Leipzig.
Axel: Ihr Vermächtnis ist noch heute zu sehen und zu hören. Ob in den Konzerten des Gewandhausorchesters, einem der ältesten und renommiertesten Orchester der Welt oder beim berühmten Thomanerchor, der seit über 800 Jahren die Musiktradition lebendig hält.
Aileen: Doch Leipzig kann nicht nur Klassik, die Stadt ist auch ein echter Hotspot für Jazz, für Pop und elektronische Musik. Denken wir an das Wave Gotik Treffen, das Leipziger Jazztage-Festival und eine lebendige Indie-Szene. All das zeigt ja, wie vielfältig und bunt die Musiklandschaft hier ist.
Axel: Ja, ich denke, Leipzig ist wirklich Musikstadt. Und damit herzlich willkommen zurück zu einer neuen Ausgabe von “Willkommen in Leipzig - Der Podcast für deine Leipzig-Reise”. Ich bin Axel und heute wieder unterwegs mit Aileen. Grüß dich!
Aileen: Hi Axel und auch von mir ein herzliches Hallo an alle unsere Hörer:innen. Wir sind heute den Klängen der besten Leipziger Musikinstrumente auf der Spur und direkt nach den Klängen des Intros hören wir uns in der Meisterwerkstatt von Matthias Vogt wieder. Wir fahren dorthin in die Zschochersche Straße 28. Bis gleich!
Intro: Willkommen in Leipzig - Der Podcast für deine Leipzig-Reise.
Axel: Ja, Herr Vogt, vielen Dank für die Einladung hier in die Werkstatt bei Vogt instruments. Ich bin Axel. Das ist meine Kollegin Aileen.
Matthias Vogt: Hallo, herzlich willkommen.
Aileen: Hallo, schön, dass wir da sein dürfen.
Axel: Ja, es ist glitzert, die Instrumente sind alle schön beleuchtet, es funkelt. Können Sie zusammenfassen: welche Art Instrumente bauen Sie denn hier?
Matthias Vogt: Wir haben uns auf Blechblasinstrumente spezialisiert. Also wirklich von der Trompete bis zur Tuba. Man sieht hier eine große Ausstellung von der Tuba. Das ist so ein bisschen unser kleines, heimliches Spezialgebiet. Aber eben auch die kleineren Instrumente hier drüben. Trompeten, Flügelhörner, Zubehör. Das Witzige ist aber, dass wir uns nicht nur auf Verkauf und Neubau spezialisiert haben, sondern auch mit der Werkstatt mit Reparatur und Service.
Aileen: Die wir vielleicht auch immer mal wieder hier im Hintergrund hören werden. Da wird nämlich fleißig gewerkelt nebenbei. Bei Ihnen kann man ja im Sinne der Nachhaltigkeit nicht nur neue Instrumente kaufen. Ich kann gar nicht unterscheiden, was jetzt hier neu ist und was nicht. Aber es gibt auch Gebrauchte, die eben, wie auch in der Werkstatt wahrscheinlich, wieder aufgewertet werden.
Aileen: Wie werten Sie denn diese, die Instrumente dann wieder auf? Wie genau passiert das?
Matthias Vogt: Also wir stehen gerade hier vor ein paar wirklich alten Instrumenten. Jeglicher Zustand also hier, die hier ist zum Beispiel richtig schön angelaufen. Das ist so der typische Dachbodenfund quasi, ne? Ganz, ganz viele Beulen. Hier ist noch ein bisschen besser. Das sind aber von Grund auf sehr gute Instrumente, teilweise aus DDR Zeiten. Die löten wir komplett auseinander, jedes einzelne Teil.
Matthias Vogt: Also machen wir doch den großen Bügel, die Maschine, die Ventile, das wird alles rausgenommen, damit wir überall besser rankommen. Und dann geht es los: Entlacken, chemisch Reinigen. Hier werden dann Beulen reingetan und ausgebeult mit Stangen, dass die Oberfläche wirklich schön glatt ist. Dann wird’s teilweise verfeilt, verschliffen und das Instrument wird wieder im Neuzustand, wirklich quasi Neuzustand hergestellt.
Matthias Vogt: Alles wieder zusammengelötet, poliert, lackiert. Das es sind dann wieder einen neuen Kunden findet.
Aileen: Okay, die werden dann wieder verkauft. Das ist nicht, dass Menschen zu Ihnen kommen und sagen, können Sie mein Instrument komplett reparieren?
Matthias Vogt: Auch das. Doch ja, beides. Also hier, das, was jetzt hier steht, das haben wir von anderen Kunden bekommen. Entweder Kommission oder selber angekauft, wo wir das Potenzial sehen und dann werden die wieder in den Markt geworfen und haben wieder eine neue Daseinsberechtigung. Das hier im Fenster, man sieht schon, die ist richtig wüst zugerichtet, aber witzigerweise schön gleichmäßig. Die haben wir tatsächlich mal geschenkt gekriegt und die wird nicht weggeschmissen, die hat irgendwas Besonderes.
Matthias Vogt: Das lohnt sich aber nicht, die aufzuarbeiten. Wir nehmen die gerne, hauptsächlich als Dekoration oder wenn wir auf Messerausstellungen sind.
Aileen: Wissen Sie, wie alt die ist?
Matthias Vogt: 20er Jahre, 40er Jahre ungefähr sein, vielleicht älter, jünger. Dann haben wir noch zwei ältere historische Instrumente. Das lohnt sich im Moment auch nicht wirklich, die aufzuarbeiten. Aber da kommt so die kleine Sammlerleidenschaft zum Vorschein. Hier haben wir eine der ersten Doppeltuben, die überhaupt gebaut wurden. Gibt es ganz wenige am Markt. Im, im Nachbarraum noch hier drüben, noch ein älteres Instrument, ein kleines Kornett.
Aileen: Oh!
Matthias Vogt: Das ist eben auch aus Instrumentenmacher-Sicht bautechnisch sehr interessant. Die vielen Verzierungen hier-
Aileen: Richtiges Schmuckstück.
Matthias Vogt: Genau, die Firma Kruspe, so Ende 19. Jahrhundert. Und so hatten wir immer mal wieder einige interessante, sehr, sehr alte Instrumente, die wir teilweise dann auch regelrecht restauriert haben. Da ist es dann die Kunst, so originalgetreu das wieder zu, zu beleben und möglichst keine Ersatzteile neu einzubauen.
Matthias Vogt: Und wenn dann von der Form her, zum Beispiel Stützenform, genau so wiederherzustellen, dass das optisch passt.
Axel: Also Sie biegen und löten dann wirklich auch im Sinne des Originals die Teile nach?
Matthias Vogt: Genau, genau. Und beim tiefen Blech machen wir zwar keinen Neubau, hier ist es aber, ich will es trotzdem mal sagen, 80 % Neubau. Da gibt es ältere Instrumente und in der Vergangenheit auch “Bohland & Fuchs”, eine recht bekannte Marke, die es nicht mehr gibt. Das wäre so was zum Beispiel, wo das Grundmaterial noch intakt ist. Aber die Ventile noch deutlich klappern.
Matthias Vogt: Dann bauen wir die Ventile komplett raus. Es wird eine neue Maschine eingebaut. Meistens sind dann noch Kunden dahinter, die individuelle Wünsche haben. Eine Rohrverlegung usw. Dass man das Instrument wieder im aktuellen modernen Orchesterdienst wieder bauen kann, spielen kann.
Aileen: Gibt es denn eine große Nachfrage, was so die Second-Hand-Instrumente quasi angeht?
Matthias Vogt: Das ist, glaube ich, Hälfte-Hälfte. Also das, was ich gerade geschildert habe, mit diesen Komplettumbauten, da ist man locker 100 bis 200 Arbeitsstunden dabei, also kann man schon fast schon vom Neubau sprechen. Es gibt aber auch Standardaufgaben. Die Nachfrage ist relativ hoch. Tatsächlich, weil die Neupreise bei den Instrumenten in den letzten Jahren deutlich gestiegen sind und wir bei einer gewöhnlichen Reparatur deutlich, deutlich unter dem Neupreis liegen.
Matthias Vogt: Bis fast zur Hälfte günstiger. Und da überlegen sich natürlich schon viele Kunden, auch was jüngere Instrumente anbelangt. Im Bereich fünf Jahre alt, zehn Jahre alt ist die Nachfrage tatsächlich extrem hoch, die wir, die der Markt generell gar nicht bedienen kann.
Matthias Vogt: Man, wir haben zum Beispiel hier eine, eine B&S GR51, die kostet zum Beispiel knapp 10.000 €. Wir werden, bevor so was verkauft wird, immer gefragt, Mensch, ob wir nicht irgendwas Gebrauchtes haben. Ne, also irgendwie zwei Jahre alt, drei Jahre, fünf Jahre alt. Die sind bei weitem nicht optisch so abgenutzt oder haben zu viele Beulen. Es gibt sie so gut wie gar nicht auf dem Gebrauchtmarkt.
Matthias Vogt: Und wenn, sind die Instrumente innerhalb von weniger Tagen oder wenigen Wochen wieder verkauft.
Axel: Sie sprechen so leidenschaftlich über Ihren Beruf. Wie sind Sie denn dazu gekommen?
Matthias Vogt: Ich habe mit 14 das erste Praktikum gemacht, schon vor der Schulzeit, in den Ferien haben mich meine Eltern zum Instrumentenmacher geschickt, haben gesagt: “Informier dich ein bisschen”. Und es war schon recht früh klar, dass ich ins Handwerk gehe. Ich wollte nicht studieren, wollte auch nicht irgendwie in der Verwaltung sitzen oder so, hab dann eben mal ein Praktikum gemacht und das hat mir gut gefallen.
Matthias Vogt: Hab jede Ferien dann immer wieder in Abständen dort zugebracht, habe dann die Schule abgeschlossen und der Lehrer damals sagte, hatte mich gefragt, ob ich dann nicht dann die Lehre machen möchte. Und dann war der Weg eigentlich relativ unspektakulär schon vorgeschrieben.
Aileen: Wir haben jetzt gehört, dass Sie diese Leidenschaft noch ein bisschen weitergetragen haben und ein, kann man das sagen, ein Instrument entworfen haben oder weiterentwickelt haben oder ähnliches? Stimmt das?
Matthias Vogt: Ja, richtig. Das war relativ in den Anfängen der Gründung, haben wir hier eine kompakte Trompete gebaut. Aber man sieht hier, das ist eine normale Trompete von der Bauform, von der Größe her und die ist einfach deutlich kürzer und kompakter, hat aber die gleiche Stimmung. Wir hatten damals ein auch altes historisches Instrument als Vorlage, was sehr, sehr gut losgegangen ist und wir haben dann versucht, das von der Bauform zu übernehmen, noch ein paar Verbesserungen vorzunehmen und das ist quasi das Ergebnis.
Matthias Vogt: Zur Corona-Zeit ist dann noch ein Flügelhorn entstanden und wir werden wahrscheinlich dieses Jahr, nächstes Jahr, je nachdem wie wir dazu kommen, das Instrument auch noch mal als Vorlage hier nehmen, das kompakte Instrument und wollen noch mal eine zweite Serie bauen mit hochgestellten Ventilen.
Aileen: Jetzt bekommen wir gerade wieder wundervoller Weise so eine schöne private Führung hier. Wie sieht das dann aus, wie ist das für, für Kund:innen, die hier reinkommen: gibt es die Möglichkeit, einmal auch durch die Werkstatt geführt zu werden oder wie sieht das aus?
Matthias Vogt: Grundsätzlich ja. Also immer, jederzeit. Wir haben, wie man ja sieht, ist alles sehr offen und transparent. Verkauf und Werkstatt, alles in einem. Wir werden tatsächlich auch oft von Kunden oder von Passanten, die hier dran vorbeilaufen, einfach angesprochen, kommen rein, finden das ganz toll. Und wir nehmen uns grundsätzlich Zeit für jeden. Bis hin zu Schulklassen. Wir statten auch teilweise Bläserklassen aus, wo wir in der Zusammenarbeit auch Workshops machen.
Matthias Vogt: Wir hatten letztens auch eine Schulklasse hier, wo wir einfach mal einen Reinigungskurs gegeben haben und das kommt gut an, die Eltern waren teilweise mit dabei, um einfach auch zu zeigen: was ist Handwerk? Meistens finden solche Werkstätten eher im Hinterhof statt und das war Zufall, dass wir hier an der Hauptstraße die Werkstatt platziert haben. Ursprünglich gab es den Verkaufsbereich gar nicht, also ich habe gestartet mit ein, zwei Werkbänken, ein, zwei Maschinen und dann ist das so Stück für Stück über die Jahre gewachsen.
Matthias Vogt: Als ich hier gearbeitet habe, die uns nicht kannten, standen ganz viele Passanten mal am Fenster und haben zugeschaut.
Aileen: Ja, das glaub ich.
Matthias Vogt: Und das fand ich ganz, ganz bemerkenswert. Das Handwerk halt doch einen gewissen Stellenwert auch hat.
Aileen: Was ist das, was hier oben hängt?
Matthias Vogt: Das sind Luren. Also wir, wir hatten den Auftrag bekommen von einer norwegischen Band, Wardruna, das ist eine Band gewesen, die für die Netflix-Serie Vikings-
Aileen: Habe ich mir fast gedacht, dass es so in die Richtung geht.
Matthias Vogt: -auch teilweise die Musik produziert haben. Und diese Band ist weltweit unterwegs, im WGT zum Beispiel und Rock am Ring, Wacken, so was in der Richtung. Und die hatten für ihre Band eben noch ein zweites Paar gesucht. Aber eins zu eins genau so, wie sie das spielen. Keiner wollte das machen. Wir haben uns jetzt auch nicht unbedingt da gedrängt danach und als wir gemerkt haben, keine Chance, keiner macht das, haben wir tatsächlich drüber nachgedacht, das zu machen und haben’s dann auch umgesetzt.
Matthias Vogt: Das Ganze war ein Projekt über ein Jahr, weil wir die Originale immer nur wochenweise bekommen hatten, damit die auch spielfähig sind, auf Tour. Und das ist das Ergebnis. Und weil das so ein recht hoher Aufwand gewesen ist, haben wir gesagt, wir machen gleich vier Stück. Also die werden grundsätzlich immer im Paar gespielt und ein Paar bleibt bei uns als Vorlage, falls irgendjemand noch mal so was benötigt.
Axel: Können wir denn jetzt hier mal über die Schultern schauen? Es riecht nach Lösungsmittel. Wird heute hier gereinigt oder ist das nur einer von vielen Arbeitsschritten?
Matthias Vogt: Das ist eines von vielen. Hier haben wir gerade ein Sousaphon, da wurden ein paar Beulen rausgemacht, noch mal bisschen abgewischt. Das ist ein relativ junges Instrument, das machen wir für morgen zum Verkauf fertig. Der Kunde holt das ab. Hier werden gerade die Ventile eingebaut, die ganzen anderen Teile, die hier an der Seite liegen, das ist zum Beispiel so eine, sind solche Arbeitsgänge, wo wir eine Tuba komplett wieder neu aufbauen.
Matthias Vogt: Da sieht man da oben das Schliffbild schon, das ist fast fertig, das muss noch poliert werden. Die Bögen hier wurden ausgebeult. Das wird zum Schluss dann alles zusammengesetzt. Da liegt schon eine komplett neue Maschine bereit. Und das ist, da sitzen wir bestimmt auch mindestens 100 Arbeitsstunden drüber, bis das fertig ist. Soll jetzt bis Sommer fertig sein. Das ist dann gerade bei solchen Projekten immer schön bei der Übergabe.
Matthias Vogt: Ist man auch ein bisschen nervös. Passt das alles? Ne, der Kunde kommt dann noch ein bisschen zum, zum Test im Rohbau nennen wir das also, bevor das lackiert wird, weil da sind die Investitionskosten recht hoch und bevor man einen Fehler macht, holt man sich den Musiker noch mal ins Haus, sagt hier, spiel noch mal rein, dann kann es sein, dass es noch mal kleine Veränderungen gibt.
Matthias Vogt: Und dann erst zum Schluss, wenn sich alle sicher sind, geht es dann in die Oberfläche, in die Lackierung oder was auch immer. Und je nachdem.
Axel: Ist es so, dass sich die Instrumente je nach Hersteller stark unterscheiden, sodass man vielleicht ab und zu auch mal noch mal einen Bauplan sich anschauen muss oder kann man das mit Erfahrung auch ohne Anleitung immer wieder zusammensetzen und auseinander bauen?
Matthias Vogt: Das geht eigentlich ohne Anleitung. Also jedes Instrument ist ähnlich aufgebaut. Natürlich gibt es von Hersteller zu Hersteller kleine signifikante Unterschiede, aber die Basis ist immer gleich und am Ende ist das die, die, die die Erfahrung. Also, wir werden oft gefragt, und es liegen dann sehr viele Kleinteile zusammen und ob wir dann wissen, wo wir das hin bauen sollen?
Matthias Vogt: Teilweise können wir das fast blind zusammenbauen. Also genau, das ist hier die tägliche Routine. Wenn das ein Kunde selber machen würde, würde er wahrscheinlich einen halben Tag brauchen. Es ist aber, ich, ich vergleich das, wie mit jedem anderen Beruf ähnlich. Wir können mal schauen, wenn Sie wollen… Es ist gerade noch ein Instrument in der Reinigung hier hinten.
Aileen: Hallo!
Matthias Vogt: Hier wird gerade ein Horn sauber gemacht. Wir haben ja verschiedene Reinigungsbäder und viele fragen uns auch, wie entsteht denn überhaupt der Glanz? Und da haben wir hier im Nachbarraum - ich geh mal voran - haben wir den Polierraum. Am besten nicht an der Wand anlehnen.
Aileen: Okay.
Aileen: Also, wenn ich diesen Raum sehen würde und nicht wüsste, wofür er ist, also, ich wüsste nicht, was das ist. Ich würde nicht darauf kommen, dass es zum Polieren ist, glaube ich.
Matthias Vogt: Also heute ist er noch, noch sehr sauber, weil noch nicht hier drin gearbeitet wurde. Und es ist trotzdem schon sehr schwarz, ne?
Aileen: Ja.
Matthias Vogt: Hier ist die Maschine, die mit hoher Drehzahl dreht. Hier werden die Tuben, die Trompeten poliert, hier entsteht quasi der Glanz. Wir stehen dann hier auch mit Mundschutz und wenn man hier ein paar Stunden drin ist, man ist auch auf der Haut richtig schwarz.
Matthias Vogt: Auch im Sommer ist das immer ein bisschen eine Herausforderung. Der Staub, das Messing lagert sich auf der Haut an, es schwitzt, es oxidiert. Das ist dann Hochleistungssport.
Aileen: Das glaub ich.
Matthias Vogt: Aber das Schöne ist, man sieht tatsächlich auch, was man gemacht hat. Gerade beim Polieren.
Aileen: Ich glaube, ich könnte mir auch vorstellen, dass es so sehr zufriedenstellend ist, wenn es am Ende so schön glänzt.
Matthias Vogt: Ist auf jeden Fall.
Aileen: Also der Raum ist, nur für unsere Hörer:innen, er ist sehr, sehr dunkel. Sieht aus wie so verrußt oder als ob es gebrannt hätte oder ähnliches.
Axel: Als ob es ein abgeschlossenes Kaminzimmer wäre ohne Belüftung.
Aileen: Ja.
Aileen: Dann, Herr Vogt, vielen lieben Dank für die Führung und all die Einblicke, die wir heute bekommen haben. Es war sehr, sehr, sehr, sehr lehrreich. Und es ist toll, diese ganzen Instrumente hier aufgereiht zu sehen und so viel darüber zu erfahren, wie alt manche sind und was Sie für eine Leidenschaft für diesen Beruf haben.
Matthias Vogt: Sehr gerne!
Axel: Ja, vielen Dank.
Aileen: So Axel, wir schauen uns jetzt mal etwas großformatigere Instrumente an,
Axel: Jawoll, wir werfen jetzt einen Blick auf die berühmten Blüthner Pianos.
Aileen: Und hoffentlich auch in die Blüthner Pianos.
Axel: Ja, mit Sicherheit. Wir sind verabredet hier im Blüthner Klaviersalon in Großpösner bei Leipzig mit Dr. Christian Blüthner. Und ich würde sagen, wir lassen ihn nicht noch länger warten.
Aileen: Lass uns reingehen.
Aileen: Hallo.
Axel: Schönen guten Tag.
Dr. Christian Blüthner: Hallo, grüß Sie.
Aileen: Aileen.
Dr. Christian Blüthner: Wo soll ich mich hier am besten hinsetzen?
Axel: Ach, wo es Ihnen am bequemsten ist.
Aileen: Herr Dr. Blüthner, herzlichen Dank für die Einladung hier ins schöne Blüthnerwerk.
Dr. Christian Blüthner: Ja, freut mich sehr. Herzlich willkommen.
Aileen: Zu allererst natürlich die Frage. Blüther gibt es jetzt schon seit 170 Jahren, über 170 Jahre! Erzählen Sie uns doch mal ein bisschen was zur Geschichte.
Dr. Christian Blüthner: Das ist natürlich eine lange Geschichte.
Aileen: Das glaub ich!
Dr. Christian Blüthner: Also zunächst erst mal hat Julius Blüthner angefangen, wie viele damals in der Gründerzeit. Er ist geboren als Tischlergeselle oder als Sohn eines Tischlermeisters, ist dann Tischlergeselle geworden, ist in die Wanderjahre eingetreten und hat in diesen Wanderjahren die Aufgabe gehabt, öfters mal Instrumente zu restaurieren, die damals ja gerade noch im Beginn der Entwicklung waren
Dr. Christian Blüthner: zum modernen Pianoforte. Und auf diesem Weg ist ihnen doch aufgefallen, dass das, was damals Stand der Technik war, doch durchaus verbesserungswürdig war, und hat sich dann entschlossen, in Leipzig eine eigene Manufaktur aufzubauen, die eben diese Unannehmlichkeiten, die ihm auf seinen Wanderjahren begegnet sind, verbessert hatten, hat dann in zunächst angemieteten Räumen in der Leipziger Weststraße mit drei Angestellten angefangen. Und das hieß dann so “So walte Gott”, ja, das Werk soll gelingen.
Dr. Christian Blüthner: Und hat die ersten Instrumente gebaut, dann gab es natürlich, Verkaufen war auch wichtig, einen gewissen Professor Weber, damals Anatom am Leipziger Anatomischen Institut, der aber ein begnadeter Pianist war und die Aufgabe hatte, für einen Leipziger Landgraf ein Instrument herauszusuchen. Er befand dann die blüthnerschen Instrumente als die besten. Und hat dann seine Empfehlung ausgesprochen, womit das erste verkauft war.
Dr. Christian Blüthner: Und sehr schnell fanden dann auch die anderen Instrumente großen Anklang. Und dann ging das eigentlich schon los. Das liest sich in den Annalen: “Und schon wieder wurde ein neues Werk gebaut für 50 Mitarbeiter, dann für 100 Mitarbeiter, dann für 200 Mitarbeiter”, so dass er am Ende seines Lebens 1900 in Leipzig Europas größte Klavierfabrik aufgebaut hat. Julius Blüthner war einer, der mit einer unglaublichen Schaffenskraft und Selbstdisziplin ans Werk ging, der selber unwahrscheinlich viel durch die Welt gereist ist, in ein Dampfschiff gestiegen ist, gestiegen ist, Überfahrten über Atlantik und Pazifik, Indischen Ozean gemacht hat, um in den damals aufstrebenden Regionen Südamerikas, insbesondere Argentinien, auch Brasilien, in Chile, in den USA, Kanada Dependancen aufzubauen.
Dr. Christian Blüthner: Europa spielt da natürlich eine große Rolle, aber eben auch im asiatisch-pazifischen Raum. Damals das damalige Singapur, Malaysia, wo also Kolonialbetrieb herrschte und auch sich die Leute anschickten, dann dort auch Instrumente haben zu wollen, um einfach Musik zu hören. Er übergab dann dieses Werk an seine Kinder, die zunächst zu dritt sein Erbe fortsetzten. Einer der drei ist dann schwer erkrankt und das war dann
Dr. Christian Blüthner: Julius und Bruno Blüthner, die dann in der nächsten Generation das fortsetzten. Bis dann irgendwann die schweren Wirtschaftskrisen kamen, Anfang der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts. Das ist natürlich auch an Blüthner nicht ganz spurlos vorübergegangen. So hat man sich damals beholfen, eben nicht nur Klaviere zu bauen, sondern hat dann also auch Holzhäuser gebaut und Dachstühle gebaut. Also alles, mit dem man irgendwie die Firma über die Zeit retten konnte, bis dann der Weltkrieg ausbrach und am Ende darin mündete,
Dr. Christian Blüthner: dass Blüthners Werk in Leipzig, das Stammwerk, nahezu vollständig zerstört wurde. Meine Großmutter mir noch berichtete, dass man also voller Entsetzen vor den Flammen in dem brennenden Gebäude stand, wie dann, und zugeschaut hat, wie die Instrumente wie brennende Fackeln, durch die durchgebrannte Decken gefallen sind. Und dann gab, sind, sind nach dem Krieg, wie das jeder weiß, sind dann natürlich zunächst erstmal die Amerikaner in Leipzig gewesen, die dann mit dem Vertrag von Potsdam Sachsen gegen ‘nen Teil von Berlin eintauschten.
Dr. Christian Blüthner: Damit kam die russische Armee nach Leipzig, aber hier half auch wieder ein gewisser Zufall, dass nämlich Leipzig einen Stadtkommandanten hatte, der sehr kulturinteressiert war. Und mein Großvater konnte ihn überzeugen, Krieger, äh, Kriegsreparationsleistungen nicht in den wenigen noch vorhandenen Maschinen, die ja oftmals deportiert wurden und nach Russland gebracht wurden, zu bezahlen, sondern dafür zu sorgen, dass Russland Instrumente kriegte.
Dr. Christian Blüthner: Damit stellte dann die russische Armee Soldaten ab, die in dem doch sehr harten Winter 45 das Holzlager von Blüthner im damaligen Sägewerk Leipzig-Leutzsch bewachten, so dass also das Holz da blieb. Und mein Großvater fing dann an, nach dem Krieg in diesem Holzwerk oder Sägewerk die Vorkehrungen zu treffen, wieder mit der Klavierproduktion zu beginnen. 1972, wissen alle, dieses Datum, gab’s den leidigen Beschluss der SED, dass also privates Unternehmertum nicht gewünscht war, so dass also auch Blüthner unter diese Sachen fiel und zunächst dann verstaatlicht wurde, bis zum Mauerfall, wo dann die Familie es hinbekommen hat, das Unternehmen wieder zu privatisieren.
Dr. Christian Blüthner: Und da stehen wir heute, ne. Die Zug, die Zeit nach der Wende war im Wesentlichen davon geprägt, zunächst erst mal die Grundlagen für eine moderne Produktion zu schaffen. Deswegen sind wir heute auch hier in Störmthal, haben wir dann 95 ein neues Werk gebaut, was dann in den Folgejahren mehrfach erweitert wurde. Und es galt vor allem, da ging es darum, die Globalisierung und die Herausforderungen, die damit verbunden waren, natürlich zu meistern.
Dr. Christian Blüthner: Ich bin damals also sechs Monate, sieben Monate im Jahr eigentlich nur im Flugzeug gesessen und durch die Welt gejettet und habe geschaut, dass man neue Handelsbeziehungen aufbaut, Vertretungen etabliert, weil man damit die Grundlage geschaffen hat, Blüthner wieder auf eine sehr international breite Basis zu stellen und damit ein Stück weit auch unabhängig zu machen von den Auf und Abs der Wirtschaft hier in Europa, weil es dann doch meistens so ist, wenn es irgendwo schlecht geht auf der Welt, gibt es auch irgendwo einen Fleck, wo es gut geht, so dass man die konjunkturellen Schwankungen, die es immer wieder gibt, ein Stück weit auch ausgleichen konnte.
Aileen: Jetzt haben Sie gesagt, seit 1995 sind Sie hier.
Dr. Christian Blüthner: Ja.
Aileen: Was genau passiert denn hier in dem Werk?
Dr. Christian Blüthner: Also hier findet alles statt.
Aileen: Alles? Ja, das habe ich mir fast gedacht.
Dr. Christian Blüthner: Hier kommt das Holz rein, was über viele, viele Jahre abgelagert wurde. Das wird hier aufgeschnitten, wird zusammengeleimt, wird gefügt. Die Grundkonstruktionen werden hier gebaut. Das Herz der Instrumente, der Resonanzboden wird hier gefertigt. Die komplette Montage, Lackierung, Einbau des Spielmechanismus und natürlich dann am Ende auch die klanglichen Komponenten, wo es um Stimmung, Intonation der Instrumente geht. All das passiert hier, um am Ende ein Stück weit auch den Kunden das zu geben, was eigentlich von diesem Blüthnerton, der typisch ist, der eine Wärme hat, der eine Transparenz hat, das zu liefern, für was der Name schon seit vielen, vielen Jahren steht.
Dr. Christian Blüthner: Und wir beschreiben das so ein bisschen mit dem goldenen Ton.
Axel: Und damit wir mal einen Eindruck davon bekommen, wie der goldene Ton sich so anhört, haben wir hier für euch mal eine kleine Hörprobe parat.
Axel: Das Thema Nachhaltigkeit, das begleitet uns ja nun auch in vielen Lebenslagen. Wahrscheinlich auch hier. Ist Aufarbeitung von alten Instrumenten ein Thema bei Ihnen hier?
Dr. Christian Blüthner: Ja, natürlich. Also Restauration spielt immer ein großes Thema. Da geht es gar nicht so sehr um das Thema Nachhaltigkeit, weil Instrumentenbau ist generell nachhaltig. Die Instrumente, die wir hier bauen, sind ja, halten ja durchaus länger als 100 Jahre. Also das ist mal so eine Minimumlebensdauer. Ja, die Instrumente, die wir heute aufarbeiten, sind weit älter und kommen hier her und werden komplett zerlegt, kriegen dann einen neuen Resonanzboden,
Dr. Christian Blüthner: neue Stimmstöcke, kriegen neue Filze rein, werden neu lackiert, sind quasi nach dem kompletten Restaurationsprozess, der doch eine erhebliche Zeit in Anspruch nimmt, etwa gut 200 Stunden, am Ende quasi fast neuwertig, aber eben in ihrem historischen Kontext zu sehen. Also wir machen aus alten Instrumenten keine neuen, sondern wir restaurieren alte Instrumente im Sinne einer klassischen Restauration, nämlich unter Bewahren und Erhaltung des Alten.
Aileen: Können Sie sich dran erinnern, was so das älteste Klavier war, was Sie bekommen haben?
Dr. Christian Blüthner: Kann ich Ihnen genau sagen. 1856. Das ist ein Flügel, der steht heute im Leipziger Musikinstrumentenmuseum, und es ist eines der ältesten Blüthner-Instrumente, die wir kennen.
Aileen: Nicht jeder Mensch kann sich ein Piano selbst leisten. Gibt es die Möglichkeit, auch die Klaviere hier auszuleihen?
Dr. Christian Blüthner: Also natürlich gibt es auch eine Miete, also Klaviere, das nennt sich im modernen Sprachgebrauch entweder eine klassische Miete oder eben ein Mietkauf, wo wir den Leuten die Möglichkeit geben, die Miete, die bezahlt worden ist, bis zu einem gewissen Anteil, dann später auf einen Kauf auch anzurechnen, so dass die Miete nicht zwangsläufig weg ist, sondern wenn man sich entscheidet, gerade wenn man noch nicht genau weiß, bleibt man
Dr. Christian Blüthner: denn dabei, ist denn Klavier spielen was für einen, kann man natürlich so ein Instrument mieten. Mal das ausprobieren, ein Jahr oder zwei oder drei und dann sich entscheiden: Jawohl, ich will es dann doch kaufen und das ist was, was ich für mein Leben brauche.
Aileen: Sie haben gesagt, der goldene Ton, das macht die Blüthner-Klaviere aus. Was zeichnet die denn noch aus? Wie kommt das zustande? Dieser besondere Klang.
Dr. Christian Blüthner: Ja, das ist eine, das ist eine ganze Reihe auch an technischen Dingen. Ja, zunächst erst mal ist Musikinstrumentenbau, hat sehr viel mit Musik zu tun. Und am Ende gibt es, wenn so ein Hammer die Saite anschlägt, dann gerät diese in Schwingung. Die, diese Schwingung wird auf den Resonanzboden übertragen. Der verstärkt sie.
Dr. Christian Blüthner: Weil das, was wir hören, ist Schall, das heißt also Luft, die in Wellen auf unser Trommelfell trifft und dann über die Hörzellen letztendlich in Hören übersetzt wird. Und hier geht es vor allem darum, diese Schwingungen auf die, so auf die Seite zu bringen, dass sie eben diese besonderen, dass eine Saitenschwingung entsteht, die diesen besonderen Blüthnerklang unterstreicht. Und dann einen Resonanzboden zu haben, der diese Schwingung auch in ihrer ganzen Breite, in ihrer ganzen Facette, in ihrer Farbigkeit auch verstärkt und letztendlich hörbar macht.
Axel: Ja, Blüthner ist jetzt nun ein Name, der nicht nur in Leipzig und Region bekannt ist, sondern auch weltweites Renommee genießt. Was denken Sie, wie kommt das zustande?
Dr. Christian Blüthner: Ich glaube, das hat was mit dem ganz speziellen Blüthnerton zu tun. Die Art, wie ein Pianist in der Lage ist, den Ton auch zu modulieren und ähnlich wie, wenn wir sprechen; das Klavier ist quasi, sind quasi die Stimmbänder des Sängers für den Pianisten. Und je nachdem, in welcher Stimmung wir sind, klingt unsere Stimme auch ein bisschen unterschiedlich. Also wenn wir erfreut sind und Spaß haben, dann, dann ist die Stimme anders, als wenn wir traurig sind.
Dr. Christian Blüthner: Und dasselbe spielt natürlich auch in der Musik eine Rolle, weil sie unsere Emotionen letztendlich auch widerspiegeln soll und die Fähigkeit unserer Instrumente, genau diese tonische Modulation zu erlauben. Das.. Und dem Pianisten, die Möglichkeit zu geben, eben diese Emotionen auch zu transportieren, in den Klang einzupacken. Ich glaube, das führt zu einer gewissen Inspiration, die eben viele Komponisten, um vielleicht mal einige zu nennen, Rachmaninow, Bruckner, Mahler, Grieg, Franz Liszt, Dvorak, Wagner, all diese Leute, Prokofjew, die setzen sich am Ende an so ein Instrument, haben eine musikalische Idee, spielen die und dann muss die ausgestaltet werden, ornamentiert werden.
Dr. Christian Blüthner: Und das funktioniert quasi in einem Dialog mit dem, mit dem Instrument. Wenn man sich mit den größten Pianisten der Welt unterhält, Martha Argerich zum Beispiel, die selbst einen Blüthner-Flügel zu Hause hat, die sagt mir: “Christian, wir haben Konzerte, die sind gut, aber die vergessen wir. Und es gibt so ein paar Konzerte, die jeder von uns hat, wo wir an einem Instrument sitzen, wo was Besonderes entsteht.
Dr. Christian Blüthner: Da setze ich mich ran und ich merke, ich rede mit einer Person. Das ist ein Dialog, der mit dem Instrument entsteht.” Und das sind Konzerte, die wir auch nie vergessen, obwohl wir Dutzende von großen Klavierkonzerten im Jahr spielen und das jedes Jahr. Am Ende gibt es natürlich auch zahlreiche Preise. Diese Weltausstellungen, die früher eine viel größere Rolle spielten als heute, Königshäuser, die Blüthner zum Hoflieferanten ernannt haben.
Dr. Christian Blüthner: Da gibt es im Grunde genommen kein europäisches Königshaus, was Blüthner nicht beliefern durfte. Das hängt natürlich mit dem Sächsischen an und hört mit dem Englischen auf. Ja, und es waren dann aber auch, dass der japanische Kaiser, Sultan von Brunei und das sind Entwicklungen, die kann man mit Marketing gar nicht erschaffen, sondern weil das einfach historische Wahrheiten sind.
Axel: Was kann ich mir denn als, ich sage mal, Kurzzeitbesucher, der jetzt im Kofferraum kein Platz für ein Klavier hat, doch hier bei Ihnen anschauen? Kann ich eine Führung mitmachen?
Dr. Christian Blüthner: Wir bieten Führungen an, allerdings nur nach Anmeldung. Das ist einfach eine Frage des Arbeitsschutzes. Am Ende ist das ein Produktionsbetrieb, hier. Aber wir bieten regelmäßig die Führung an, oftmals in Verbindung auch mit Konzerten, die bei uns hier im Hause stattfinden, aber eben auch mal in größeren Gruppen. Also wir machen das nicht für ein, zwei Leute, da ist der Aufwand einfach zu groß, weil man doch jedes Mal jemanden abstellen muss, der die Leute dann durchs Werk führt und dann auch das eine oder andere erklärt.
Dr. Christian Blüthner: Aber bei diesen Führungen lüften wir dann schon auch das eine oder andere Geheimnis des Pianoforte-Baus und das ist eine recht kurzweilige Angelegenheit.
Aileen: Das wollen wir natürlich auch mal ausprobieren und da würde ich sagen, schauen wir doch auch mal eine Runde ins Werk.
Dr. Christian Blüthner: Jetzt stehen wir hier gerade vor so einem Flügel, der auf die Komplettierung der Restauration wartet, der ist jetzt gerade komplett auseinandergenommen wurden. Als nächstes wird dann hier noch der Resonanzboden entfernt und ein neuer Resonanzboden eingebaut. Quasi eine neue, ein neues Herz. Ja, und dann wird das Instrument wieder komplettiert. Auf dem historischen Aufkleber, der auf jedem Resonanzboden drauf ist, sieht man dann eben auch die bedeutendsten Preise,
Dr. Christian Blüthner: die die Firma erhalten hat auf verschiedenen Ausstellungen, Weltausstellungen. Und dieses Instrument dürfte hier irgendwas um 1900 sein. Muss mal nachschauen. Und hier sieht man eben auch schon in dieser Zeit, diese Internationalität. Ja, 1880 Erster Preis auf der Weltausstellung in Sydney und danach in Melbourne, Amsterdam, Wien, Philadelphia, aber eben auch Merseburg.
Aileen: Aber eben auch Merseburg, genau, das hab ich auch gerade gedacht!
Dr. Christian Blüthner: 1865 gab es in Merseburg die bedeutendste deutsche Handwerksausstellung.
Dr. Christian Blüthner: Jetzt haben wir gerade Glück, weil die Maschinen gerade nicht laufen. Hier sieht man, wie das Holz reinkommt, also als zugeschnittene Bohlen, die über zehn Jahre abgelagert sind, die jetzt, die natürlich Risse haben von dem Trocknungsprozess über die lange Zeit. Das Holz ist jetzt gereift, hat Spannungen abgebaut und wird jetzt weiterverarbeitet. Die Spannungsrisse müssen natürlich rausgeschnitten werden, die Rindenteile müssen rausgeschnitten werden, Holzverästelungen müssen rausgeschnitten werden und dann werden diese Hölzer zu sogenannten Tischlerplatten neu verleimt.
Aileen: Ja.
Dr. Christian Blüthner: Und dann gehen sie in den weiteren Verarbeitungsprozess.
Aileen: Wie lange dauert es eigentlich bis so ein Flügel komplett ist?
Dr. Christian Blüthner: Vom ersten Zuschnitt ins Holz, bis er hinten rausläuft, ist die Durchlaufzeit etwa 18 Monate, weil immer wieder Trocknungszeiten zwischendurch eingehalten werden müssen. In Arbeitsstunden ist das vielleicht aussagekräftiger, in so ‘nem Flügel mittelgroßer Art sind etwa 300 Arbeitsstunden und in einem Klavier etwa 160. Damit man mal so ein Gefühl kriegt.
Dr. Christian Blüthner: So, jetzt wird es etwas ruhiger, wir sind hier in der Tischlerei. Hier werden die ganzen Furniere verarbeitet, weil natürlich Instrumente, selbst wenn sie schwarz sind unter dem Lack eine glatte Oberfläche brauchen. Die wird dann aus, meist aus Ahorn hergestellt. Aber Instrumente natürlich auch im historischen oder im Interieur zu Hause finden, und nicht zwangsläufig schwarz sein müssen, verarbeiten hier alle Art an Furnieren.
Dr. Christian Blüthner: Insbesondere sind das die, sagen wir mal, wärmeren Holztöne, die ins Bräunliche gehen. Das ist der Nussbaum, das ist Palisander. Das sind aber auch spezielle Hölzer wie Ziricote oder Wenge.
Dr. Christian Blüthner: Jetzt sind wir hier in den leidigen Hallen des Resonanzboden-Lagers und die sind alle, gibt es mehrere solcher Lagerräume im Betrieb, die klimatisiert sind. Wenn ich hier mal so ‘nen Resonanzboden rauszieh, sieht man die Jahresringe, wie eng die aneinander stehen. Weil das Besondere an dem Tonholz ist, dass es in Höhenlagen wächst, wo der Baum nur wenige Monate, zwei Monate im Schnitt, Zeit hat, wirklich einen nennenswerten Metabolismus aufzubauen, damit ein Holzwachstum.
Dr. Christian Blüthner: Das sorgt dafür, dass die Jahresringe sehr eng aneinander stehen und dass die dunklen Anteile des Jahres, das sogenannte Spätholz, kaum sichtbar ist. Haben wir hier wieder ein Instrument, was sich in Restauration befindet, wo jetzt das Gehäuse komplett aufgearbeitet wird. Hier sieht man schon, dass hier kein Resonanzboden drin ist. Der wird jetzt gerade genau angepasst nach historischem Vorbild und dann hier eingebaut. Und hier gleich nebenan ist die sogenannte, ist der sogenannte Rastenbau, wo die Holzkonstruktion zusammengefügt wird, die später das mechanische Widerlager für den schwingenden Resonanzboden darstellt.
Dr. Christian Blüthner: Die Saiten, die aufgezogen werden, haben eine insgesamt eine Zugkraft von über 20 Tonnen. Wenn das Instrument gespielt wird, geht diese Zugkraft also exorbitant nach oben bis 30 Tonnen. Aus dem Grund braucht man eben so eine massive Holz-Unterkonstruktion, die dann durch die Eisengussplatte, an der dann auch die Saiten aufgehangen sind, miteinander verbolzt wird. Und diese Einheit dann eben auch diese massiven Zugkräfte, die hier entstehen, auch aufnehmen kann.
Dr. Christian Blüthner: Und dieses Instrument ist jetzt von außen schon mit dem sogenannten Klavierlack versehen. Wie man sieht, ist der nicht glänzend. Das ist ein spezieller Polyesterlack, der dick aufgetragen wird, aber natürlich polymerisiert und dadurch kriegt er wie so ein Apfelsinenschale. Und er glänzt auch nicht, weil ein Paraffin enthalten ist, was aufschwimmt, um das Abdiffundieren eines Härters zu verhindern damit, das ist ja eine Polymerisation.
Dr. Christian Blüthner: Ein Normaler Lack, spritzt man auf und der Verdünner, ob das jetzt Wasser oder ein klassischer Verdünner ist, der verdunstet und die Hauptbestandteile bleiben zurück und härten aus. Hier haben wir eine Polymerisation. Und danach muss man das schleifen, sechsmal, und dann wird das poliert, so wie man eigentlich ein Autolack poliert. Mit so einer Stoff-Scheibe, die da rotiert, und ein Poliermittel drauf.
Dr. Christian Blüthner: So, jetzt sind wir in der Intonierkabine. Und hier werden die Instrumente gestimmt und natürlich intoniert. Und Intonation heißt, den Hammerkopf in seiner Elastizität so zu modulieren, dass er eine besonders schöne Saitenschwingung erzeugt. Und das ist Aufgabe besonders geschulter Leute, die also auch ein gutes Gehör brauchen und ausgeruhte Ohren. Und was man macht: Man sticht dann mit diesen Nadeln in diesen Filz ein und je nachdem, an welcher Stelle man das macht und wie oft man das macht, erreicht man natürlich ein unterschiedliches Ergebnis in der Modulation der Filzzusammensetzung.
Dr. Christian Blüthner: Und damit kann man den Klang des Instrumentes maßgeblich beeinflussen. Also die Aufgabe des Intoneurs ist letztendlich nicht nur, sich den Klang genau anzuschauen. Sondern, das ist am Ende auch die letzte Institution vor mir und meinem Bruder, weil hier verlässt kein Instrument das Haus, ohne dass ich oder mein Bruder das gespielt haben.
Aileen: Schön! Jetzt interessiert mich noch: Wie viele Flügel verlassen denn hier das Werk so?
Dr. Christian Blüthner: Wir bauen hier etwa 300 Flügel im Jahr und etwa auch 300 Klaviere. Aber wir haben hier noch nie einen auf groß Masse gemacht, sondern wir konzentrieren uns hier ganz klar auf kompromisslose Qualität.
Axel: Wir haben jetzt vorhin ganz viele, ich sage mal, historische Persönlichkeiten gehört, die einen echten Blüthner gespielt haben. Wie sieht es denn mit zeitgeschichtlichen Künstlerinnen und Künstlern aus?
Dr. Christian Blüthner: Ja, also, da von den Beatles noch ein paar Leute leben, also alles, was man von den Beatles kennt, ist auf ‘nem Blüthner aufgenommen worden. Das geht weiter über die Abbas, das ist Bruno Mars, Ariana Grande, Duke Ellington, Stevie Wonder, um vielleicht nur einige zu nennen.
Aileen: Ja. Beeindruckend.
Axel: Herr Dr. Blüthner, ganz, ganz herzlichen Dank für die Einblicke in die Firmengeschichte und natürlich auch ins Werk. Das ist wirklich für uns mal ein ganz, ganz toller Blick hinter die Kulissen. Dankeschön.
Dr. Christian Blüthner: Gern geschehen.
Axel: Ja, das waren wieder spannende Einblicke für uns, oder?
Aileen: Definitiv, Axel. Heute haben wir uns Leipzig als Musikstadt gewidmet. Und wenn ihr noch mehr dazu erfahren möchtet, dann hört euch unbedingt auch noch durch, ja, so ein paar unserer älteren Podcast-Ausgaben, denn wir haben eine ganze Musikstaffel von “Willkommen in Leipzig” für euch.
Axel: Ja und mit dieser Staffel hier geht es auch bald weiter und es bleibt erst mal noch musikalisch. Wir begeben uns auf die Spuren von Clara Schumann, einer berühmten Leipziger Pianistin und Komponistin.
Aileen: Und wenn es euch gefallen hat, dann freuen wir uns wie immer über eine nette Bewertung von euch. Schaut auch gerne mal in die Shownotes und auf Leipzig. Punkt. Travel vorbei für noch mehr Tipps. Mach’s gut und bis zur nächsten Folge.
Axel: Ciao!
Intro: Willkommen in Leipzig - Der Podcast für deine Leipzig-Reise.